Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1887)
- Date
- 1887-09-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 wenigsten Gemeinden haben einen Rabbiner, oft ganze Provinzen nicht; eine natürliche Folge ist, daß auch die Staatsregierungen in religiösen Dingen das Dasein der Rabbiner oder ihre Weisung ignoriren- Der Bescheid der Vorstände ist maßgebend geworden für das religiöse Leben den Gemeinden wie den Behörden gegenüber, die Vorstände vertreten die Gemeinden nach innen wie nach außen, für sich und Andere. So ist es selbst für die internen Fragen der Religion, von denen die Vorstände kein Verständnis, für die sie auch kein Interesse haben. Dies entspricht den Zuständen in der Christenheit nicht und widerspricht den Grundsätzen des Judentums. Trotz aller Achtung vor der Stellung der Gemeinden und ihrer Vorsteher dem Rabbiner gegenüber ist es verkehrt, das Dasein des Rabbiners und seinen Einfluß als gleichgültig zu erklären. Wir wissen zwar, daß es faktisch so ist, aber Rabbiner dürften es nicht als richtig so anerkennen, ihre Stellung nicht als unabänderlich so hinnehmen, sondern müßten über das Irrige und Nachteilige eines solchen Zustandes offen und gemeinsam sich aussprechen und nach Besserung streben; nicht nur um ihrer selbst willen, aus amtlichen und persönlichen Gründen, sondern auch im öffentlichen und gemeinsamen Interesse. Die Rabbiner müssen vom Bewußtsein ihrer Notwendigkeit und allgemeinen Anerkennung getragen werden, nur dann können sie wirken und Einfluß üben. Die Notstände der israelitischen Gemeinden haben aber zum großen Teil in dem mangelnden Einfluß der Rabbiner ihren Grund. Jndeß haben bereits die ersten Rabbinerversammlungen der vierziger Jahre gezeigt, daß man schon zu lange mit der Restauration gewartet hat; der religiöse Jndifferentismus ist zu groß geworden, und die Hebung des Gottesdienstes von damals wirkte nicht mehr mächtig und anhaltend genug, um das Publikum aus der Lethargie zu wecken und dauernd wach zu erhalten. Man machte bald darauf einen neuen Versuch; man bildete die Rabbinerversammlung zu einer Synode um, an der auch Vorstände neben den Rabbinern Teil nahmen, voraussetzend, daß Beschlüsse, welche die Vorstände selbst haben fassen helfen, von diesen auch ausgeführt werden würden. Auch dieser Versuch war erfolglos; das religiöse Interesse hatte immer mehr ab- und die Rührigkeit der Orthodoxie immer mehr zugenommen. Und doch zeigten sich die Verhältnisse auch hier stärker als der Wille. Selbst die Orthodoxie konnte sich der Macht der Entwickelung und des Fortschritts nicht ganz erwehren; man mußte bewußt oder unbewußt, vielleicht gar wider Willen, den Fortschritt als wahr und gerecht anerkennen und ihm huldigen. Es ist demnach auch zu erhoffen, daß der Fortschritt sich noch seine Wege bahnen und eine Generation heranwachsen werde, welche der Religion, ihrem Leben und ihrer Entwickelung mehr Interesse und Ausdauer entgegen bringen wird. Aber die eben stattgefundene Rabbinerversammlung thut unrecht, sich weiser zu dünken, als die früheren und sich über deren Bestrebungen tadelnd und schulmeisternd zu erheben. Anstatt über die „himmelstürmenden und erderschütternden Reformvorschläge" der früheren Rabbinerversammlungen zu spötteln, hätte sie neue wirksamere Vorschläge machen sollen; die vorliegenden sind solche nicht. Das religiöse Leben der Juden koncentrirt sich eben auch heute noch auf die Synagoge, aus dem Hause ist das religiöse Leben gewichen; da mußte man zunächst an die Hebung des Gottesdienstes denken, um durch diesen das religiöse Interesse wieder zu beleben. Aber freilich konnte und kann damit allein das Ziel nicht erreicht werden- Die Schule kann für Unterricht und Erziehung allein ja auch nicht alles thun, das Haus muß helfen; wo diese Hülfe fehlt, arbeitet die Schule für weltliche Bildung und sittliche Erziehung auch erfolglos. Noch mehr ist dies bei Religions-