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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-09-01 · Heft 9 (1.9.1887) · p. Seite 202

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 9 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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202 Man darf wohl darüber Nachdenken, ob und in welcher Form das edle und kunstvolle Gleichnis in der modernen Kanzelrede Raum finden könnte. Selbst wenn man von der Schwierigkeit absieht, die es macht, die Erzählung in den Bau der stilvollen Rede aufznnehmen, wenn man es auch außer Acht lassen wollte, daß nicht alle, sonst gute Redner, die Eigentümlichkeit besitzen, leicht und fesselnd zu erzählen, so fragt sich noch immer, ist das Gleichnis für die Zeit der fortgeschrittenen Bildung, des raschen Flutens der Lebensströmung, des aufs Wirkliche und Thatsächliche gerichteten Zuges des menschlichen Sinnes angemessen und geeignet? Und die Gegenfrage könnte gestellt werden. Fühlt und soll das menschliche Herz nicht einfach fühlen in der Stunde, die der Andacht geweiht ist? Soll sich der Kanzelredner nicht in schlichten, natürlichen Lauten an das reine, von keiner Wolke getrübte Gemüt wenden? Soll die jüdische Kanzelrede sich nicht an die Einfachen und der Belehrung Bedürftigen, an das kindlich fühlende Volk wenden, auf welches die Erzählung und das Gleichnis auch nun noch nicht ohne Einfluß ist? . . . Und muß die Kunst der Beredsamkeit endlich nicht mit allen ihren wundervollen Griffen die Saiten des menschlichen Herzens berühren, um dieses für das Gute und Edle zu gewinne», für das Hohe und Wahre zu wecken und dem Geiste die Wonne und die Freudigkeit der Tugend zu künden? Die jüdische Homilie der Neuzeit ist noch viel zu jung, um alle Mittel erschöpt zu haben, welche den Erfolg der religiösen Unterweisung sichern, sie hat sich noch nicht endgiltig und entscheidend darüber ausgesprochen, ob und in welcher Weise man die Erzählung und das Gleichnis in der Kanzelrede anwenden könne und dürfe. Die Kanzelberedsamkeit im Judentume ist reich an rasch hervorgetretenen, farbenreichen Blüten, an üppigen, labenden Früchten, sie hat aber noch eine große Phase der Entwickelung vor sich. Die geistigen Führer der kommenden Geschlechter, die Jünger der jüdischen Wissenschaft, lauschen dem Worte, das in Israels Gotteshäusern von berufenen Männern verkündet wird. Sie widmen der Kunst, welche Beredsamkeit lehrt, gerne ihre besten Stunden. Mögen sie einst die jüdische Kanzelrede weiter führen auf herrlichen, volkbeglückenden Bahnen. Dieser hochgeehrten Versammlung aber, und allen den edlen Herren und den geisterweckten Frauen Berlin's und Deutschlands, welche diese Lehranstalt für die Wissenschaft unseres Glaubens stütze» und ihren Jüngern freundlich entgegenkommen, rufe ich mit Jonathan Eibenschütz zu: Der Tag naht, der Tag kommt, an welchem ihr den Lohn eueres Edelmutes und euerer Tugend findet. Ihr bewähret euch als Stützen der Tora! Unsere Zustände. Kürzlich ist wieder eine Rabbiner-Versammlung in Breslau abgehalten worden; dieselbe war so recht charakteristisch für die Zustände unserer Zeit, für die Stellung unserer Rabbiner. Rabbiner sind die Weisen und Weiser ihrer Zeit, Toralehrer, und Tora ist die Weisung für das Leben. Wir wissen längst, daß sie es nicht mehr sind; man erklärt sie für entbehrlich und überflüssig, stellt keine Rabbiner an, oder befragt sie nicht, oder folgt ihrer Weisung nicht. Die

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