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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-09-01 · Heft 9 (1.9.1887) · p. Seite 201

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 9 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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201 doch immer an die weiten Hallen, in denen wir sonst die Freunde empfiengen, an den freien Hof, den Säulengänge umschlossen und der zu heiteren Spielen einlud. Wir weilen hier in dem ärmlichen Hause; inzwischen brechen bald auch die Grundvesten jenes alten Stammsitzes zusammen, mir zieht ein ganzes, weites Leben in diesem Jammer hin. „Söhne der Israeliten", ruft Dubno, „euere Väter haben sich in die drückenden Verhältnisse der Gegenwart gefügt. Nennt ja das Haus Israel seine Vergangenheit eine glanzvolle. Drangsal und Jammer haben wie Feuersgluten die Herrlichkeit zerstört. Die alten und ergrauten Häupter der Gemeinde lechzen nach Ruhe, sie dulden und tragen, beugen das Haupt und schleichen still dahin. Aber du, o blühende Jugend, hast ein langes Leben vor dir, ein Leben, das in seiner Frische Glück und Heiterkeit anstrebt. Sollst du immer von Sorge und Druck und Not umnachtet bleiben? Willst du nicht in deinem Geiste ringen für bessere Tage? Wohlan, beginnet mit dem Gebete! Stärket euch durch Worte voll Vertrauen, die ihr empor zum Himmel sendet. Der Herr der Welten wendet sich voll Gnade und Vatermilde unseren reinen Bitten zu." — So redeten, so predigten die Maggidim noch am Anfänge unseres Jahrhunderts. Wird das Gleichnis, wie es diese Schule vorträgt, mit seiner Erscheinung in der älteren Literatur zusammengehalten, so gewahrt man leicht eine bezeichnende Veränderung. Die Propheten nehmen ihre Bilder und Gestalten meist aus dem Leben der Pflanzen und Thiere. Die Gebilde der Natur erheben in ihrer Herrlichkeit den menschlichen Geist. Ihre Darstellung wirkt erfrischend und weckt verwandte Vorstellungen auf dem Gebiete des sittlichen Waltens. Nimmt der biblische Redner sein Bild aus den Formen der gewerblichen Thätigkeit, so bezeichnet er mit wenigen Worten das einfache, kunswolle Wirken und Schaffen. Die Bilder und Gleichnisse aus den späteren Epochen, wenn sie nicht biblischen Charakter tragen oder weiter ausgebildet als Tierfabeln erscheinen, sind größtenteils höheren Formen der Gesellschaft und hervorragenden Lebensverhältnissen entlehnt. Diese haben für den Hörer einen eigenen Reiz. Sie stellen ein edleres höheres Beispiel hin, sie zieren und verklären die stille Wirklichkeit. Die Bilder und Gleichnisse, denen wir in der Midraschlitteratur, zumal Tanchum's am öftersten begegnen, sind Könige und Prinzen, der königliche Hof und die fürstliche Sendung. Anders Jakob Dubno und seine Schule. Sie gefallen sich in der Darstellung der täglichen Begegnisse, in der Erzählung von der Wechselrede und dem Meinungsausdrucke der einfachsten bürgerlichen Gesellschaft. Bild und Wahrheit, Gleichnis und Anwendung liegen bei ihnen immer in derselben Ebene, in dem Verkehre der schlichten Glieder der Gemeinde, in dem Kreise des gewöhnlichen Lebens. Und wie beschränkt ist dieser Kreis! Ihre Lieblingsfiguren sind: der Schloßherr und sein Gesinde, der Feldhauptmann, der in die Stadt kommandirt ist, der Kaufmann und seine Kunden, der Schankwirt und seine Gäste, der Arzt und seine Medikamente, die Reisegesellschaft, die zur Messe zieht, der Raufhandel und seine Folgen, der Rabbiner, der von einer Gemeinde gewählt wird, der Hochzeiter, der seine Freunde erwartet, der Bettler, der seine Pfennige einsammelt. Dieser schwache Punkt der Gleichnisrede der Maggidim trug nicht wenig dazu bei, der neuen, emporstrebenden Rhetorik in unserem Jahrhunderte, in den Tagen des geläuterten Geschmackes rasch den Triumph über die alte Schule zu verschaffen. Der Kampf war ein leichter, der Sieg ein vollständiger, nachhaltiger.

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