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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-09-01 · Heft 9 (1.9.1887) · p. Seite 200

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 9 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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200 sagte ich zu mir selbst, zwei Jahrtausende in der Hand des Führers der Weltgeschicke das, was zwei Tage für das Werk des Künstlers sind? Willst du ahnen und voraussehen, zu welcher großen Bestimmung er diesen Glauben und diesen Stamm des Glaubens führt? . . . Und ich las den Satz aus dem Propheten Jesaja: Warum sprichst du, Jakob, warum redest du also, Israel. Mein Weg ist dunkel, Gott sieht ihn nicht; mein Recht zieht ungekannt hin vor dem HErrn. Weißt du es denn nicht, hast du es nicht gehört, ein Gott der Ewigkeit ist der HErr!" Von einer Reise heimgekehrt tritt Jakob Dubno am Neujahrstage vor seine Gemeinde und redet sie also anl): Unter welchen Bedingungen wäre es möglich, daß zwei Freunde, welche die Treue eng verbindet, sich nach langer Trennung endlich Wiedersehen und keinen Gruß wechseln, einander begegnen und sich nicht liebevoll die Hände reichen? . . . Der Freund, der entfernt war, kommt eben in dem Augenblicke an, da seiner Vaterstadt eine große Gefahr droht. Das aufgeregte Element will Vernichtung bringen. Angst und Not versetzt alles in Unruhe. Da flutet und wogt das Volk durch Straßen und Thore. Der erfahrene Freund begegnet dem Genossen. Er kann aber nicht stille halten und bleiben, er muß anordnen und rufen, er muß bestimmen und verfügen, muß Fürsorge treffen und Vorbeugen. — Ich, fährt der Redner fort, kam eben aus der Ferne. Ich dachte jedem meiner Teuer« einen freundlichen Gruß zu bringen, jedem in einer sinnreichen Erklärung, in einer geistreichen Deutung eine Gabe und ein Geschenk zu bieten. Allein, ich trete am Neujahrstage vor euch. Der Blick in die gefahrenreiche Zukunft erfüllt die Gemüter mit Angst; die tausend Sünden der Vergangenheit überfluten das Leben wie mächtige Wellen, drohend und verderbend. Da komme ich an, da spreche ich zur Versammlung. Ich vergesse der freundlichen Anrede, ich lasse die sinnreichen Erörterungen ruhen. Ich rufe und warne, wecke und ermuntere. Ich stemme mich der Gefahr entgegen. Rasch entschlossen biete ich Hülfe. Ich predige Moral und lehre Rückkehr zu Gott! Am Vorabende des Versöhnungstages wendet er sich am Schluffe der Rede mit folgenden Worten an die Jugend2): „Höret, ihr reinen und guten Kinder, neige mir dein Ohr, teuere Jugend, horche dem Gleichnisse, das ich vortrage. Ein gesegneter, reich begüterter Herr verlebte viele glückliche Jahre in seinem prachtgezierten Schlosse. Als der Besitzer des hervorragenden Palastes schon ergraut war, brach in düsterer Nacht Feuer aus; der Sturm jagte es in mächtige Gluten und es zerstörte den Wohnsitz der vornehmen Familie. Das Haupt des Hauses wählte eine stille Hütte in dem Kreise der geringen Bauten, welche das kleine Oertchen bildeten, und ließ sich in derselben bleibend nieder. Warum, o Vater, sprach der junge Sohn, gehst du nicht daran, die Wohnstätte der Ahnen, deren Grundmauern auf uns niederblicken, wieder aufznrichten, warum verharren wir in dem engen Raum? Ach, antwortete der gebeugte Vater, mir ist die Mühe zu groß, ich fühle mich zu matt, um die Veranstaltungen zu einem großen Neubau in Angriff zu nehmen, ich kann ein solches Werk nicht vollenden. Ich möchte den kurzen Rest meiner Tage zurückgezogen und in Ruhe verleben. So der greise Vater. Und der junge Sohn ging hin, weinte still und dachte: Und mir soll die frohe Jugend in diesen engen Mauern hinziehen, und ich denke 8) Ohel Jacob IV. S. 157. ') Obel Jacob IV. 164 b.

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