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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-09-01 · Heft 9 (1.9.1887) · p. Seite 198

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 9 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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198 und sein Erbarmen, alles ist schief und verkehrt. Sein Glück ist kein echtes, denn nach seiner Meinung ist er eines ganz anderen Lohnes würdig. Er will Ehren erlangen, die viel zu hoch für ihn sind, er will Würden bekleiden, die er nicht ausfüllen kann. So sah ich jüngst den Mann von kleiner Statur das Kleid eines riesenhaft großen Bürgers anlegen. An Hals und Brust und Schoß und Aermel wollte nichts ihn: gut zu Leibe stehen. Da lernte ich auch den schlichten, braven Jugendlehrer in dem kleinen Städtchen seiner Heimat kennen. Er verstand so ziemlich in den alten Büchern zu lesen, er genoß die Achtung des geringen Kreises. Kürzlich traf ich ihn wieder in der großen, volkreichen Gemeinde. Das Amt des Lehrhauptes hatte er dort angenommen. Wie klein und schmächtig, wie unbedeutend und zwerghaft erschien er mir. So erscheint jedem der stolze Mann, der sich in seinem Dünkel überhebt. Der Prediger, unser Maggid, lehrt Gleichmuts. Diesen, meint er, müsse man selbst da behalten, wenn man verletzt und angegriffen wird. Er erzählt: Es kommt ein Kaufherr in die fremde Stadt, vielbeschäftigt erwägt er neue Pläne in seinem Geiste. Nur kurze Zeit kann er weilen. Er möchte aber durch neue Verbindungen, die er anknüpft; durch neue Unternehmungen möchte er den Aufschwung seines Hauses fördern Wie er sinnend dahinwandelt, begegnet ihm ein gedankenloser, leichtfertiger, wegen seiner Streitsucht übel berüchtigter Müßiggänger. Dieser wirft dem Fremden Worte der Beleidigung entgegen. Glaubt ihr wohl, daß der Kaufmann stillehalten, die Schmährede erwiedern und den Streit fortspinnen wird? Wird er die kostbare Zeit solchem unfruchtbaren Beginnen widmen? . . . Und hast du, o Mensch, denn keine Eile bei deiner raschen Wanderung durch das Leben? Hast du keine Pläne? Hast du nichts Gutes und Nützliches auszuführen, und willst deine Zeit dem Streite mit dem Gedankenlosen weihen, welcher dich angegriffen hat? Der du Großes ausführen könntest, du willst kleinlich Beleidigungen ahnden? ... Den Zorn malt der Lehrer also^): Der Mann in seinem Grimme will den Nachbar strafen, und er fährt mit seiner flachen Hand rasch in die glühende Esse und holt den Stein und die Kohle aus dem Feuer, um sie dem Misfälligen zuzuschleudern ... er ist aber früher selbst wund und schwer verletzt. Dies ist das Bild des Zornigen und seiner Thaten. „Da sah ich den Geizigen," sagt er in einem Vortrages, „Er gönnte sich nicht den Gebrauch der erlangten Güter, er eilt immer vorwärts, er drängt unablässig weiter. Ich mußte an den wilden Jäger denken, der in rasender Hitze hinstürml. Umsonst rufen ihm die Jagdgenossen zu. Das Wild, dem er nachsetzt, läßt er weit hinter sich und er eilt und hetzt vergebens." Die Anwendung des Beispieles ist alt, die Gleichnisrede ist eine beliebte Redeweise der biblischen Bücher. Die Erzählung ist die Form des Vortrages, durch welche man das Volk zu bestimmen hoffte. Je volkstümlicher ein Prophet spricht, desto öfter bedient er sich des Gleichnisses.... Jeremia, der seinen Stamm in segensvolle Bahnen zurückführen möchte, stellt es oft an die Spitze seiner Reden. Ezechiel ist es geläufig, da er die Geschlechter trösten muß, die den heiligen Boden der Heimat verlassen haben. Als Judas Herrlichkeit zum zweitenmale sank, als es wieder galt, die Gebeugten und Gebrochenen aufzurichten und Israel einem neuen Volkstum, dem Leben und Weben im Gesetze entgegenzuführen, da wuchs und gedieh wieder die Fabel und die Er- *) Sefer hammidot S. 150. 2) das. S. 149. 3) das. S. 152.

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