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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-09-01 · Heft 9 (1.9.1887) · p. Seite 197

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 9 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 Teil der Predigtliteratur weist gar oft Verschlungenes, Unnatürliches auf. Zu viel des Kunstreichen wird geboten. Es wird oft der fesselnde, einfache, Ton, die schlichte Volkstümlichkeit, die faltenlose Darstellung vermißt. Man scheint in der That von der geradsinnigen Auffassung des Schriftwortes, von der klaren Belehrung eines Gotthold Salomon weit zurückgekommen zu sein. Wenn Gemeinverständlichkeit als homiletisches Erfordernis festgehalten wird, so könnte man hie und da auf die Beredsamkeit eines Jonathan Eibenschütz rühmend Hinweisen. Gemeinverständlichkeit, wie sie die Redner der alten Zeit auszeichnet, Volkstümlichkeit ist ein hervorragendes Moment der Kanzelrede des 18. Jahrhunderts. Die Prediger wollten eben die Herzen aller ihrer Hörer anregen, wollten alle Gemüter bestimmen, sie wollten Alle an Kenntnis bereichern, Alle im Glauben stärken. Darum suchten die Redner jenes Jahrhundertes in seinen späteren Decennien nach Mitteln, auch die Deutung und Erklärung der Schrift und der Hagada, welche so reichlich in die Predigt eingeflochten wurde, dem Geiste des gewöhnlichen, ungelehrten Hörers verständlicher und geläufiger zu machen. Dazu bediente man sich mit besonderer Vorliebe des Gleichnisses. Der bedeutendste Vertreter dieser Schule ist der berühmte Prediger Jakob aus Dubno. Er wendet überall seine Gleichnisse an. Erklärt er einen Schriftvers, so geschieht dies durch ein Beispiel. Sucht er in einem Spruche der Rabbinen einen neuen Kern, so geht die Erzählung voraus, uni die Seele für den gefundenen Gedanken zu erschließen. Predigt er Moral, so trägt er einleitend irgend eine Begebenheit vor. Nicht selten wendet er sich an die Jugend, und diese freut sich seiner Gleichnisse und eigentümlichen Geschichten. Denn das Gleichnis ist leichtbeflügelt. Das jugendliche Gemüt, froh und unbelastet, nimmt den heitern Boten gerne auf. Die Erzählung ist wie die frische Bliite, sie bringt und trägt den Duft der Wahrheit rasch und leicht. Aber auch das Herz des einfachen, natürlich fühlenden Mannes wird durch die Gleichnisrede freundlich angeregt. Ohne daß man seiner Neigung und dem Willen Zügel anlegt, zieht mit der künstlich dargestellten Begebenheit, der er willig sein Ohr leiht, auch die Wahrheit frei in seine Seele ein. Jakob aus Dubno, ein Mann reinsten Charakters, verstand die Kunst, gut und treffend zu erzählen, das Gemüt zu erfassen und den Geist zu gewinnen ')• Er reiste viel und hat auch Berlin berührt. Ueberall horchte man seiner sinnigen Rede, überall galt der Tag als festlich, an welchem er kam und belehrte. Mag nun der Gleichnisredner aus dein Osten zu uns sprechen: Er predigt über den Stolz2). Dieses Laster meint er, ist mit den andern Sünden nicht in eine Linie zu stellen. Der Zornige fährt in einem Augenblicke der Erregung auf; der Rachsüchtige brütet Unheil, wenn man ihn verletzt hat; der Lüsterne kann sich nicht halten, wenn seine Gier Nahrung zu finden hofft. Hochmut aber ist eine krankhafte Stimmung der Seele. Betrachte einmal die körperliche Haltung jenes stolzen Mannes. Der Blick des Auges, die Miene des Antlitzes, die Richtung des Hauptes, der Schritt des Fußes ist ganz anders. So beherrscht der Stolz auch alle Seiten des Geistes. Die Beziehungen des Hochmütigen zu seinen Mitmenschen sind unwahr, seine Freundschaft und sein Wohlwollen, seine Güte ') Dubno Sefer hammidot ed. Warschau 857. Einleitung S. 9—14. ~) Sefer hammidot S 132 f. Bgl. das. Schijure Hammidot.

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