Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-08-01 · Heft 8 (1.8.1887) · p. Seite 186

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 8 (1.8.1887)
Date
1887-08-01
Page
Seite 186 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969740-2969749--2037-2972204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

186 Zeit eine Unzahl antisemitischer Hetzschriften zur Verteilung auf dem Flachlande von Berlin und Leipzig aus versandt werden. Man scheut sich nicht darin, die Juden als „französische Schürer" und „Spione" zu bezeichnen. — Herr Hofprediger Stöcker hat wieder in der Tonhalle in Berlin gesprochen. „Die Judenfrage", meint er, „muß auf der Tagesordnung bleiben, das deutsche Volk darf darüber nicht einschlafen." — Aus Ballon,,» schreibt uns Herr Oberlehrer Ignatz Spitzer: Der ung. ref. Bischof Carl Szäsr hat auf seiner jüngsten kanonischen Visitationsreise unter Anderem auch die Gemeinde kello-PiM besucht, woselbst er in seiner Ansprache an die reform. Glänbigen den Antisemitismus geißelte, welcher mit dem Grundprinzip der christlichen Religion, der Nächstenliebe, in geradem Widerspruch steht. „Wer waren diese Juden? —fragte er — sie waren die Hüter des Begriffes des einzigen Gottes, sie haben uns die Propheten, die religiösen Könige, selbst Jesus unb die Apostel gegeben. Es ist wohl wahr, daß dieses Volk seine Propheten gesteinigt hat, aber es hat auch dafür gebüßt, denn es hat sein Vaterland, seine Nationalität verloren und besteht heute blos als Konfession, eingeschmolzen in die Völker, unter welche es zerstreut wurde. Und ihr hasset diese Konfession? Weil sie eine jüdische ist? vergesset Ihr die Worte des Apostels Paulus: „Ruhm und Ehre dem, der gut handelt, erst dem Juden, dann dem Griechen, denn vor Gott giebt es keinen Unterschied der Personen"? Ihr vergesset das Grundprinzip unserer Religion, der Liebe, welche uns gebietet, Alle, selbst unsere Feinde zu lieben? Ihr lauft blinden Führern nach, die nicht einmal wissen, wohin sie gehen, was sie wollen? Höret nicht auf diese gleißnerischen Reden, bringt nicht Schande über Euch, über die ganze reformierte Konfession, indem ihr diesen dahergelaufenen falschen Propheten folgt." Nach der Rede überreichte der Nyeker ref. Seelsorger im Namen der Gläubigen dem Bischof als Andenken einen silbernen Pokal. Szaß erwiederte auf die Ansprache des Seelsorgers Folgendes: „Ich würde keinen Augenblick zaudern, dieses Geschenk als äußerliches Pfand Eurer Liebe an- und mitzunehmen: wie wenn es aber unter Euch solche Leute giebt, denen meine Rede nicht gefiel, und die jetzt sagen: „Er verdient dieses Geschenk nicht von uns!" Deßhalb nehme ich den Pokal wohl an, aber ich vertraue ihn dem Seelsorger an und wenn ich hören werde, daß Euch meine Rede angenehm war und daß sie Früchte trug, wenn ihr rein von den Fehlern sein werdet, welche ich erwähnte, dann werde ich den Pokal mit Freuden auch mitnehmen, dann wird er wirklich das Pfand Euerer Liebe sein, denn Petrus sagt: „Wer mich liebt, hält meine Worte und den liebt auch der Vater und zu dem gehen, bei dem bleiben wir." — Die Stutzlweitzenliurger israelitische Gemeinde wählte den Prediger vr. M. Keck aus Bukarest, die Ueupester Gemeinde den Cajärer Rabbiner Herrn .8. Schmarh zu ihrem Rabbiner. - Der edle Philantrop Baron M. Hirsch aus Paris spendete für die jüdischen Abgebrannten in Nagy-Karoly 6665 fl. — Aus Iiklos schreibt man uns: Der ungarische Minister Trefort äußerte sich in seiner Ansprache an die Wähler in folgender bemerkenswerter Weise: Der Antisemitismus ist eine solche geistige Krankheit, welche in jedem Jahrhundert mindestens zweimal vorkommt, sie kommt und wird vergehen. Es ist jedoch traurig, daß sie durch einige Seelsorger der katholischen Kirche genährt wird, ist doch diese Bewegung antichristlich, daher auch antikatholisch. Der echte Christ verfolgt keinerlei Rasse oder Konfession, am wenigsten mußte er die Judenschaft verfolgen, da sich aus derselben mit Unterstützung der griechischen Philosophie das Christentum entwickelte. Diese Bewegung ist auch kommunistisch gegen das jüdische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.