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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-08-01 · Heft 8 (1.8.1887) · p. Seite 172

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 8 (1.8.1887)
Date
1887-08-01
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 bildet sich an solchem Muster. Die Vorpforte einer neuen jüdischen Beredsamkeit will sich aufthun, und vor ihr erscheinen Männer, die ferne sind von jeder Rücksicht, Lehrer mit wahrem und offenem Worte, freimütig und ohne Bedenken. Sollte in unseren Tagen die jüdische Kauzelrede eine neue Form gewinnen, die wundervolle Zier der geläuterten Sprache, das vollendete Gleichmaß der durchgebildeten Theile, so gab ihr vorahnend das achtzehnte Jahrhundert den strengen ernsten Gedanken, die zweifelfreie Sicherheit, die durchdringende Kraft, den erfrischenden Mut, die Schärfe des Ausdruckes eines Jesaja und Jeremia. Die wogenden Mächte der alten Derascha übertrugen den Schwung und die Geisteskraft, die Fülle des Inhalts und wahrlich auch die Würde und Wahrheit der Belehrung auf die Predigt des 19. Jahrhunderts. Hören wir, wie Eibenschütz im Norden Deutschlands predigt. Vor dem Purimfeste spricht er in Altona über den Haß und die Rachsucht ^). Er meint: Das Buch des Gesetzes wiederholt de» Auftrag, Amaleks, des Feindes des jüdischen Stammes, zu gedenken. National-religiöse Gründe walten da vor. Der Thron Gottes wäre im Geiste des Menschengeschlechtes nicht vollkommen aufgerichtet, hätte Israel niemals Selbständigkeit und Volkstum errungen. Allein die Tora mußte das Gebot wiederholen und mit nachdrücklichen Worten einschärfen, so unnatürlich ist es. Eigentlich und wirklich soll und darf man keine Feindschaft im Geiste halten, vielmehr muß der edle Mensch dem Widersacher nur Gutes und Liebevolles erweisen. In der Esterrolle werden mehrere Briefe erwähnt, in denen man die Aufforderung in die Provinzen sendete, den Tag festlich zu begehen, an welchen Ha man, der mächtige Feind der Juden, unterging. So sonderbar, so sehr dem Geiste des Judentums wiedersprechend, so unmöglich erschien es den jüdischen Weisen, draußen im weiten persischen Reiche den Tod des Widersachers mit Freudenklängen zu begrüßen. „Darum, meine Brüder," so fährt Jonathan fort, „bethätigt Edelmuth und Herzensgüte! Wahret niemals Groll und feindliche Tücke! Bereitet denen, die euch verfolgt und verwundet haben, nichts als Heil und Hilfe. So will es das Gebot der Tugend, so lehrt es die tiefinnere menschliche Natur, so will es die Regel des richtig erkannten und ausgelegten Torasatzes. Es ist der Ruhm Israels, den Zug der Seele natürlich, sanft, ohne Stürme der Leidenschaft, ohne Rachegedanken hinziehen zu lassen. Wißt ihr, warum die Rabbinen sagen, man solle am Purim so lustig und froh den Becher leeren, daß man zwischen dem amalekitischen Feind Haman und dem Retter Mordechai keinen Unterschied kenne und mache? Die Rabbinen meinen, man solle besser des ganzen Gebotes vergessen, und die Erinnerung an den Feind fallen lassen, man solle gut lind natürlich bleiben. Denn die reine Natur, das zarte Herz weiß nichts von Haß und Rache." Für die Kunde der Entwickelung der Sittlichkeit und der Moral, im Kreise des Judentums sind diese Reden aus dem 18. Jahrhunderte von hoher Bedeutung. Auch nach dieser Richtung hin, kann man behaupten, es wehe aus ihnen prophetischer Geist. Sie schärfen wohl die strengste Beobachtung der Gesetze und Bräuche ein, aber sie erheben vor Allen: die Tugend und die Herzenseinfalt. Sie umdeuten Spruch und Sage, lassen aber keinen Mackel haften am edlen Menschentume. Das Auge, welches sich darin übt, die geschichtlichen Verkettungen und Übergänge sinnend zu betrachten, tvird in diesen Reden die Vorläufer mancher Erscheinung erkennen, die in unseren Zeiten deutlich ins Leben trat. 1) Jaarot dewasch II. 47 d.

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