Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1887)
- Date
- 1887-08-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 171 - kam auch im Kreise des Judentums der gemeine Mann zur Geltung. Nicht mehr durfte die Predigt sich als geistreiche Vorlesung nur an den Kundigen wenden. Sie sollte auch von demjenigen mit Verständnis ausgenommen werden, welcher der Lehre ferne stand. Die weckenden Rufe mußten sich fortan allen Genossen des Glaubens, auch dem jungen Geschlechte zuwenden, sie sollten Alle erheben.und stärken. Über alle Erscheinungen in der Gemeinde und im Glaubensleben spricht Jonathan Eibenschütz einfach, frei, deutlich, bestimmt und ohne Rückhalt. Einmal beleuchtet er den Grund, warum man dem Moralprediger gram ist, mit folgenden Worten *): Der Fehler liegt auch an den Predigern. Man hört sie viel und oft und weitläufig von der Religion und von den Pflichten reden, die man gegen Gott zu erfüllen hat, aber sie vermeiden es, von den Fehlern zu sprechen, in welche man täglich tief und tiefer sinkt. Die geläufigsten Vergehungen sind ja: Die Übervortheilung, das falsche, verlockende Wort, der auf ungeradem Wege verlaufende Geschäftsgang, die üble Nachrede, die Streitsucht. Darum haßt das Volk oft den Prediger und meint: Seht da! Er prüft auf der Kanzel den Wassergehalt der Wolken und nimmt die Geheimnisse der Beziehung der Menschenseele zu Gott zu seinem Thema, aber da, wo er offenbar Mängel und Sünden in der Gesellschaft sieht, da drückt er das Auge zu. So kommt es, daß der Prediger manchmal gar in den Verdacht kommt, als wolle er die Vornehmen lind Angesehenen schonen. Denn es ist nicht zu leugnen, — Eibenschütz spricht vor nahezu 140 Jahren ~ daß die Vornehmen des Volkes und seine Spitzen gerade an diesen Sünden straucheln, besonders da, wo man die Steuer vertheilend auflegt und Anverwandte schont und ähnliche Rücksichten nimmt. Wenn nun der Prediger das Antlitz abwendet und das Alles still auf sich beruhen läßt, so bringt dies ihm eben die Abneigung des Volkes ein. Wenn aber der Redner kein Ansehen achten und mit lauter Stimme — und träfe er auch mit seinem Worte wen immer — die volksüblichen Vergehen rügen wollte, ja mehr von diesen als von allem Anderen spräche, dann würde Volk und Gemeinde ihn lieben, dann würden Alle auf sein Wort hören. Sie würden sprechen: Das ist der Mann, der keine Menschenfurcht kennt, das ist der Held, der die-Fürsten und Häupter nicht schont, der ist wie einer der alten Propheten, sein Wort ist wahr! So fremd uns in der Zeit der zarteren Sitte, des feineren Wortes und der sanfteren Manier die kernige Strafrede eines solchen Predigers erscheint, so muß man doch gestehen, es liegt in dem Wesen Jonathan Eibenschütz' etwas, das an die uralten Tage des Volkstumes in Judäa erinnert. Unter wechselnden Verhältnissen führt er sein Amt. Er behält seine Offenheit und Geradheit auch in Hamburg, wo er bald mitten in einem heftigen Parteikampfe steht. Man hatte seine Rechtgläubigkeit, seine Stellung zur Geheimlehre angefochten. Vielleicht verdient seine rednerische Thätigkeit ebensoviel Aufmerksamkeit, wie sein rabbinischer Scharfsinn, wie seine kabbalistische Fehde. Eibenschütz erscheint wie ein Seher aus den biblischen Zeiten. Gleich den Rednern vom Tempelberge tritt er mit kühnem Mut hin und spricht das Wort der Wahrheit überall, wo es gilt für Recht und Tugend, für den Glauben und die Lehre der Väter einzustehen. Und er bleibt nicht allein. Die Schule der „Znrechtweisenden", der „Mochichim" *) Jaarot dewasch II. 14 c. 15*