Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-08-01 · Heft 8 (1.8.1887) · p. Seite 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 8 (1.8.1887)
Date
1887-08-01
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969740-2969749--2021-2972188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

170 Tugendhaftes üben sehen ... da lernten sie daraus wenig. Da hieße es gleich: Ja, wer kann so genau und pünktlich leben? wer kann so sorgsam seinen Wandel beachten? Er ist ja der Rabbiner, er ist ja der Gottesgelehrsamkeit geweiht, das Amt führt ihn ja dahin! Und so" sagt Eibenschütz fortfahrend und entwirft ein Charakterbild der damaligen Zeit, „so ist es mit euch allen. Da sieht man einen behäbigen Kaufherrn, der nicht viel auf Ehrlichkeit hält, der die Grenze seines Nächsten verrückt und ihm in das Gewerbe tritt, und er ist reich und er ist glücklich. Da denkt der kleine Anfänger: Ich will auch nichts mehr auf die thörichten Reden geben, ich will auch mehr kein Bedenken tragen, meinen Nachbar zu hintergehen oder ihm das Brot zu rauben. In unseren Zeiten muß man so entschieden Vorgehen- Wer nicht mit dieser Schürfe anftritt, der bringt es zu nichts. Und so ist der erste Handelherr der Jerobeam, der manche Nachahmer findet. Nicht anders ist es mit denen, welche Darlehen auf Zinsen geben und auf unredliche Geldgeschäfte ausgehen. Berechnet das Haus Zinsen und Kost nach unbilligen, räuberischen Grundsätzen, so wird der Wechsler, der erst seine Stube öffnet, oder der Bnchführer, wohlgeübt in der Kunst des Truges, wenn er sich selbständig macht, noch gewissenloser und ohne Rücksicht und gewaltsam Vorgehen und so hat der ehemalige Lehrherr alle die Sünder und Sünden geweckt und gezeitiget.. . . Jeder kann Andere zu Sünden führen, denn jeder ist Herr in seinem Hause. Zeigt er üble Eigenschaften und sündhafte Angewöhnungen, so nimmt die Gattin, so nehmen sie die Söhne und Töchter an, so gewöhnt sich die Dienerschaft an dieselben. . . . Sucht nach Buße! Blicket aus nach Besserung! Vielleicht läßt sie sich darin finden und erlangen, daß wir, während wir in den Stunden der Weihe für unser eigenes Leben gute Vorsätze fassen, auch sofort und ohne Säumnis auf unsere Nächsten einwirken, auch sofort Bußprediger und Lehrer werden, auch sofort ein prophetisches Amt übernehme»! . . . Wißt ihr, warum ich so oft Moral predige und wieder und abermals rufe: „Kehret zurück zu Gott!?" Ich weiß es ja, daß viele darüber lächeln.. . Allein es ist mir nicht unbekannt, daß ich in menschlicher Schwäche manches üble Beispiel geben mag. Und so will ich diese Sünde wettmachen, indem ich in geheiligter Stunde zur Tugend und zu frominen Sinn aufrufe. Ich predige so oft Gesittung und Recht, weil ich nichts sehnlicher wünsche, als daß ihr alle Prediger werdet, jeder unter seinen Genossen, jeder in seinem Hanse, jeder in seinem engen Kreise! fürwahr solche Prediger könnten doch mehr Gewicht haben, als der bestellte Würdenträger und Rabbiner! In der Sorgfalt, der Ansprache, auch soweit ffe die augenblicklichen Umstände und Zeitverhültnisse berührt, in der hebräisch ausgezeichneten Homilie Ausdruck zu geben, erkennen wir wohl mit Recht einen Fortschritt der jüdischen Kanzelberedsamkeit. Das schlichte Wort steht fortab in gleicher Linie mit der geistreichen Erklärung, der natürliche Laut hat sich einen Platz errungen neben dem sprühenden Witze und der tiefsinnigen Ausführung. Es mag sich damals die jüdische Bildung der Gemeinden geändert haben. Nicht wie vordem hatte der Redner Versammlungen vor sich, welche die Schriften des Judentums genau kannten und von deni Prediger nur neue Aufschlüsse und neue Auflösungen schwieriger Fragen erwarteten. Man hatte es auch mit dem weniger kundigen Volke zu thun, das sich verschiedenen Lebensberufen zuwendete. Im fünften und sechsten Jahrzehnte des vorigen Jahrunderts wichen zuerst die tiefen Schatten der finsteren Zeit vor dem Dämmerlichte eines neuen Morgens, welcher den Völkern Europas erstrahlen sollte. Wie neben den alten Ständen das Bürgertum, so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.