Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1887)
- Date
- 1887-07-01
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969740-2969748--2008-2972174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
158 Welche Vorstellung der Geist des jüdischen Volkes vom Reichtume und von der Armut hat, drückt am richtigsten das jüdische Sprichwort aus: Es giebt keinen ärmern als der Hund, keinen reichern als das Schwein. Das Schwein ist nicht wählerisch, nimmt alles, was es findet, zur Nahrung und ist damit zufrieden und hat nicht Not. ') Ben Soma sagt: Wer ist reich? Derjenige, welcher mit seinem Teile zufrieden ist, wie es auch im Psalmen 128, 2 heißt: So du deiner Hände Arbeit issest: Heil dir, dir geht es (jut.a) In ähnlicher Weise erklärt auch R. Meir: Reich ist derjenige, der mit seinem Reichtume sich freut, der durch Streben nach Mehr oder Geiz den Genuß seines Besitzes nicht verdirbt.'7) Reich ist der, der durch seinen Reichtuni ehrenwert bei den Bewohnern der Stadt gilt.4) Wer sich dein Studium der Gotteslehre vollkommen hingiebt, ist reich, '') weil ihm Streben und Verlangen nach Ueberfluß fehlt. Die Armut. Wie der Reichtum jedem schon vor dem Eintritt ins Dasein vorher bestimmt ist/) so verhält es sich auch mit der Armut, die Gott dem Menschen sendet. Wohl kann Armut und Mangel eine Folge der Trägheit und Lässigkeit sein/) doch immer ist sie eine Prüfung Gottes, wie der Mensch, ohne zu murren, in sein Schicksal sich finden wird. *) Keineswegs ist die Prüfung leicht. Es giebt auf der Welt nichts Härteres als die Armut, sie ist lästiger als alle Schmerzen und Leiden der Erde!l) Schmerzvoller als 50 Klagen ist die Armut, '0) sie ist gleichbedeutend mit dem Tod") und befreit durch ihre Beengungen in diesem Leben von den ewigen Strafen des Jenseits.u) Wer von Tag zu Tag harren muß, an irgend welchen Mannes Tisch ein bescheidenes Plätzchen zu finden, der kann sein Leben nicht als solches bezeichnen.ia) Mit dem Augenblicke, da der Mensch Menschenhilfe in Anspruch nehmen muß, da nimmt sein Angesicht alle möglichen Farben, nur nicht die natürliche an, ") oder auch wird durch Feuer und Wasser abgeurteilt. An seinen Hunger ist der Arme schon so gewohnt, daß er gar nicht mehr daran erinnert wird.15) Nicht nur die Tage des Armen, sagt Ben Sira, sind schlecht, sondern auch die Nächte; das Dach seines Hauses ist das niedrigste von allen Dächern, daß der Regen von allen auf das seinige hinabfließt, sein Weinberg ist wieder am höchsten, daß der Dünger, die fruchtbare Erde wieder vom Winde auf die andern niedrigen und ohnehin besseren hinabgetragen wird, unten die andern verbessert, während der seinige noch mehr verschlechtert wird. *'*) Dem Armen läuft die Armut gleichsam nach; er bleibt bei allen Ereignissen arm.l7) Deshalb läßt sich alles eher glauben, als daß der Arme reich geworden sei.1S) Die Armut ist zuweilen auch eine Strafe für Mangel an Wohlthätigkeit oder Vernachlässigung der Gotteslehre.19) Dessenungeachtet ist die Armut ein vorzügliches Erziehungsmittel. Sie gewöhnt die Menschen mit Wenigem zufrieden sein und sich damit freuen, wie ja auch die Babylonier, welche 9/io von der Gesammtarmut, die Gott den Menschen auf die Erde gesandt, erhielten, wegen ihrer Anspruchslosigkeit in Folge der Armut, stets frohe ') Sabb. 155, b; ‘) Aboth 4, 1; 3) Sabb. 25, b; 4) Kidd. 49, b; '') Kethub. 50; “) Niddah 16, b; ’) Spr. 24, 34; 6, 11; a) Midr. Exot,, r. c. 31; ebend.; ">) Baba, b. 116; *') Nedar. 7,b; 64,b; '-) Erubh. 41,b. '“) Beza 32; ") Pesach. 6b; >°) Megila 7; ,6) Kethub. 110, b; >') Baba K. 92; '») Gittin 30, 2; '») Midr. Lev. r. c. 34;