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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-07-01 · Heft 7 (1.7.1887) · p. Seite 147

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 7 (1.7.1887)
Date
1887-07-01
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 der Rede, wie sie das Menschenherz umschließen und umschlingen, bleiben wir auch jetzt im Unklaren. Von dem späteren Mittelalter darf man sagen, es sei wahrscheinlich, daß die Redner wohl dem inneren Gedanken des Vortrages, der Reihe der Erklärungen bestimmter Absätze und Schriftverse Sorgfalt zuweildeten, auf die äußere Form der Rede jedoch, auf die Zierlichkeit des Baues, auf den Glanz des Ausdruckes wenig Rücksicht nahmen. Und das Mittelalter reicht, wenn man die wechselnden Strömungen in dem Kreise des jüdischen Glaubens und Wissens beurtheilt, fast bis an die Pforte der neuesten Zeit. Wie sollte uns auch aus den Gotteshäusern, zumal der nördlichen Länder, eine gewinnende, kunstvoll gefügte Sprache entgegentönen? Wissen ivir doch, daß die Juden, damals in diesen Reichen als Fremdlinge betrachtet, von schweren Stürmen der Verfolgungen heimgesucht tourden, in abgeschlossenen Kreisen lebten und hingedrängt waren, sich in der engen Gasse eine eigene Welt zu bilden, in der ihnen die Reinheit und Lauterkeit der Sprache, vielleicht auch der Sinn für die schöne Form der gegliederten Rede verloren gieng. Welches Gegenbild zu jenen Auslegungen, zu jenen Schrifterklärungen und zu jenen verschlungenen Ketten der Deutung bildet die Rede des laufenden Jahrhunderts. Als im zweiten Jahrzehnte desselben in Folge des neuen Zuges der Zeit, in Betracht der häufigeren Beziehungen der Juden zu den anderen Söhnen des Landes, der Wunsch und das Verlangen der Gemeinden laut wurde, die synagogale Kanzelrede in klarer gefälliger Sprache zu hören, als vor etwa siebenzig Jahren die in jüdischen Kreisen heimisch gewordene allgemeine Bildung und die vermehrte Kultur die Forderung stellte, daß die homiletischen Vorträge in dem Gotteshause nach den Ordnungen der Logik und nach den Regeln der Redekunst geformt werden, mit welcher Regsamkeit und mit welchem Fleiß«, mit welchem Eifer und mit welcher Glut wurde die neue Kunst ausgenommen, geübt und gehandhabt! Wie geschäftig und thätig waren da die Lehrer und die Gemeinden, um den Prachtbau der Neuzeit an das alteherwürdige Heiligtum anzuschließen! Wie sah man nicht selten Laien und Meister mit einander wetteifern, um das Wort des Glaubens in der neuen Form zu verkünden! Der unserem Stamm eingeborene Genius, die Friichte fremder Kulturen aufzunehmen und ihnen mit dem Dufte der eigenen alten Gesittung und Religion neue Würze zu verleihen, bewährte sich hier auf das Glänzendste. Männer geweckten Geistes hielten das Auge unverrückt edlen Beispielen fremder Kanzelberedsamkeit zugewendet und schufen selbst mustergiltige Werke, hervorragend durch einfachen Sinn, durch das gediegene, schlichte Wort, durch die Ansprache, welche das Herz rührt, durch natürliche und sinnige Auffassung der Schrift. Bald befreite sich die jüdische Kanzelrede von der Fessel, welche ihr die ersten Nachbildungen nach Einleitungen uno Eintheilungen auferlegt hatten. Lehrer von Bedeutung hoben den reichen Schatz nicht nur des biblischen, sondern auch des rabbinischen Wortes und boten den klaren Wein der alten Weisheit im herrlichen Pokale der kunstreichen Rede dar. Meister erstanden, welche ihre Brust gehoben und beseelt fühlten von Hingebung und von aufopferungsreicher Treue zu ihrem Glauben und zu ihrem Stamme. Wie Thau des Himmels traf ihr mildes Wort das Herz und erfrischte den Geist und brachte den Gemütern Labung und Freude. Denker und Forscher, deren Stirne die Krone der Weltweisheit zierte, prägten auf das hohepriefterliche Gold um ihrem Haupte die Worte: „Heilig dem Ewigen" und traten so vor die wissensfrohe, aufmerksame Versammlung und kündeten Weisheit und Glauben, Wissenschaft und Gottesfurcht. Da entzündet der Fromme und Reine 13*

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