Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1887)
- Date
- 1887-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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146 Hoffnung, einen lachenden hellen Morgen verkündeten, sie sind Muster der Kraft und der Geistesmacht, sie sind das große Vorbild religiöser Beredsamkeit, welches die Litteratur unseres Volkes allen Stämmen und Zeiten hingestellt hat. In der spätere» Entwickelung des Judentums scheinen jedoch die großen Beispiele selten Nachahmung gefunden zu haben. Diese mustergiltigen, von Gottesgedanken durchglühten Ansprachen, welche bestimmt waren, dem weiten Kreis der Nationen zu leuchten, erweckten auf dem heimischen Boden des jüdisch religiösen Volkslebens nur nach einer Seite hin Eifer und Mut zu nachbildendem Streben. Geistvoll sind die Bemerkungen der alten Lehrer aus den Jahrhunderten der Gesetzeserklärung. Tiefen Gehalt und ernsten Sinn bergen auch die Sprüche und die Deutungen'der Meister der Mischna. Es ist aber aus jenen Tagen kaum etwas auf uns gekommen, was mit Bestimmtheit sagen ließe, daß auch die Wahl des Wortes, die Form des Ausdruckes und des angewendeten Bildes, die Gliederung der Sätze, die Reihenfolge der Gedanke», die Entwickelung des Vortrages sowie das einheitliche Zusammenstimmen seiner Teile genau, sorgsam, kunstreich und vollendet zu nennen sei. Wir besitze» nur kurze Auszüge der Homilien aus jenen Tagen. Diese gaben uns Winke über den Stoff und den Inhalt der Predigten. Wir bleiben jedoch im Unklaren darüber, ob die große Kunst, durch das gewählte Wort jit rühren, durch die geeignete Wendung das Menschenherz zu treffen, ob die Beredsamkeit in den Gelehrtenschulen Palästinas und Babylons gepflegt und hochgehalten wurde. Wie die Hagada in Mischna und Talmud kurze Sätze und sinnvolle Aussprüche aneinanderreiht, so enthält die Litteratur des älteren und des jüngeren Midrasch auch nur die Grundgedanken der Vorträge, so umfassen alle jene Sammlungen auch nur Ausführungen einzelner Stellen der Schrift nach verschiedener Deutung und Anwendung, so lassen die Reste aus den Homilien der geonäischen Jahrhunderte uns wohl den Grundgedanken, oft auch die Vielseitigkeit der Auffassung und das rednerische Ziel erkennen, aber eine rhetorische Ausführung sucht man in ihnen vergebens. Das Wort in seiner Ursprünglichkeit, die Ansprache nach ihrer wirklichen Umrahmung und Gestaltung ist für uns verloren. Selbst jene Auszüge sind in der Gelehrtensprache, nicht in dem volksüblichen Laute ihrer Zeit erhalten, in welcher sich doch der Redner an die versammelte Gemeinde gewendet haben muß. Es waren die Predigten der jüdischen Lehrer aus den ersten acht Jahrhunderten nach der Tempelzerstörung nicht so glücklich, einen Carl den Großen zu finden, der sie hätte aufsuchen, aus den Büchersammlungen zusannuentragen und ihrem ganzen Umfange nach abschreiben lassen zum Muster und zum Beispiele den kommenden Geschlechtern. Ja, wir besitzen keinen sicheren Nachweis darüber, ob selbst in den Städten, in welchen in jenen Zeiten griechische Beredsamkeit blühte und der religiösen Erweckung anderer Kreise ihre Kraft lieh, auch die Sprecher und Meister der jüdischen Religion sich der ganzen Macht der Rhetorik bedienten, um das Gemüth ihrer Hörer zu beleben und ihren Geist zu kräftigen und zu ermuthigeu. Die Schrifsteller des Mittelalters betraten die Pfade der älteren Zeit. Sie schrieben ihre Exhortationen in der beliebten rabbinischen Sprache des Talmud nieder und ordneten diese nach Texten, die sie fortlaufend erklärten. Wir begegnen zuweilen auch einem eingestellten Motto, einer angefügten Apostrophe, einem abschließenden Gedenksatze. Ueber die äußere Form des Vortrages jedoch, über die Sprache selbst in ihren Hebungen und Senkungen, über die Kunstgriffe