Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1887)
- Date
- 1887-06-01
- Page
- Seite 142 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969740-2969747--1991-2972156- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 unter Dank gegen Gott mit einem Gebete für das erlauchte Haupt Deutschlands. — Der Uabbi und sein Sohn ist der Titel eines jiingsthin erschienenen Romans von M. Krank, Lehrer in Schotten (Druck und Verlag von PH. Engel.) Die deutsche Literatur hat seit einem Jahrzehnt eine Bereicherung durch eine gute Anzahl von Büchern, die sich speziell mit der jüdischen Gesellschaft beschäftigen, erfahren, und dies in jeglicher Gestalt, in der Form national-ökonomischer Abhandlungen, wie in Novellen, Romanen, Erzählungen. Es ist ein Zeichen für die Gesundheit eines Körpers oder einer Gesellschaft wenn der Possident selbst eine wohlgelannte, befriedigende Beschreibung darüber zu geben vermag. Von diesem Standpunkte aus freut es uns stets, von guten Büchern berichten zu können, die aus unserer eigenen Mitte hervorgegangen sind. Wir Juden brauchen keinen Einblick in unsere Häuslichkeit und Wirtschaft zu scheuen, ja, wir dürfen mit etwas Herausforderung auftreten und selbst von unserem Treiben und Lassen öffentlich reden. Derartige Selbstbekenntnisse sind von einschlagender, unfehlbarer Wirkung, wenn sie das Motto tragen: ,Vitam imptndere vero.“ („Das Leben der Wahrheit widmen!") welches der Verfasser des Romanes: „Der Rabbi und sein Sohn" seineni Buche voranschickt. Wahr und treu sind hier alle Charakterzüge gezeichnet, so, daß man die Typen zu ihnen überall im Leben wiederfindet. So der Rabbi Max Löwe, der als Seelsorger nnd Religionslehrer in einer kleinen israelitischen Gemeinde sein sauer erworbenes Brod genießt, dabei aber sich in den Geist der klassischen Sprachen vertieft und streng religiös aber tolerant gegen Andersüberzeugte lebt. Mit aller Aufopferung läßt er seinen Sohn Leo Medizin studieren und wird durch die sich schnell entwickelnden Talente und wahre Pietät und Fröinmigkeit des Sohnes belohnt. Diesem gegenüber steht der durch falsche Erziehung zum Antisemiten gewordene Arthur Bertram, der von Leo aus Räuberhünden gerettet und durch dessen wahre philantropische Gesinnung bekehrt wird, so daß er spricht: „Meine verschrobenen Anschauungen haben eine gewaltige Umwandlung erfahren und bin ich zu der Einsicht gelangt, daß jeder Staat, jedes Volk, jede Konfession Ehrenhafte und Ehrlose aufzuweisen hat, daher es gegen die Gerechtigkeit verstößt, einzelner Räudiger wegen die ganze Heerde als krank und ansteckend zu betrachten!" Viel mag zu dieser Bekehrung seine Liebe zu der philosophisch gebildeten und gleich einem Professor der Literatur über Goethe docirenden Meta Bohse, Tochter des Wucherers und Antisemitenführers Bohse, den sie mit ihrer Mutter verläßt, beigetragen haben. Deren Wahlspruch ist: „Mir ist der Menschen Glaube gleichgiltig, ich halte mich an die Menschen selbst. Ist die Handlungsweise derselben eine nicht nur zu billigende, sondern sogar nachahmungswerte, so achte und ehre ich den Vollstrecker, mag er ein Eskimo, Hottentotte, Christ oder Jude sein!" Auch ihre Freundin und später gleichgesinnte Frau Leos, Paula Plato, und ihr nur Vernunft und Menschenliebe als wahrhafte religiöse Elemente anerkennender Vater sind wohlthuende Erscheinungen, denen sich als Schatten der schon genannte Bohse, ein Antisemit aus unsaubersten Beweggründen, gegenüberstellt. Wie Goethe nach dem Ausspruche Metas die „poetische Gerechtigkeit", in Folge derer die Tugend stets siegt und das Laster stets unterliegt, in seinen Tragödien beseitigt und die oft schauerliche Wahrheit des Gegenteils zum Ausdrucke bringt, —' also auch der Verfasser dieses kleinen Romans. Der gute Leo stirbt nach einigen Jahren seiner Verheiratung an den Folgen der im Hospitale zur Rettung der Kranken sich zugezogenen Cholera. Der trauernde Vater folgt ihm ins Grab. So schließt der Roman mit einem Lebensrätsel, dessen