Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1887)
- Date
- 1887-06-01
- Page
- Seite 133 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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133 der provisorischen Regierung von 1848 und zum Mitglied der Regierungs-Delegation zu Tours und Bordeaux in den Jahren 1870 und 1871) gehabt hat — würde die Erlangung eines so hohen diplomatischen Postens, wie ihn Strauß jetzt beziehen wird, für einen ungetansten Juden noch unmöglich sein. Offener Wrief an Kerrn Professor Dr. M. Lazarus in Wertin. Hochgeehrter Herr! Sie verbreiten zur Zeit eine Brvchüre „An die Deutschen Juden!", welche sich mit dem letzten Wahlkampfe und Ihrer Stellung zu demselben befaßt. Demgegenüber halte ich es für eine gewisse Pflicht, sowohl Sie selbst als die Leser derselben auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der mir geeignet erscheint, Ihren Ausführungen bei Freund und Feind vielleicht einen unrichtigen Grundgedanken unterschoben zu sehen und zwar zunr Schaden unserer gemeinsamen guten Sache. Ich gehe über die persönlichen Momente Ihrer Polemik hinweg und erkläre niich von vornherein mit dem eigentlichen Grundgedanken Ihrer Brochüre einverstanden: „Die Eigenschaft als Jude bedingt nie und nirgends „die Zugehörigkeit zu. einer bestimmten politischen „Partei." Aber Sie verfechten diesen richtigen Gedanken mit einem Eifer, der leicht — besonders in böswilligen Kreisen — die Vermutung erwecken könnte, als sei hierzu ein allgemeiner Grund vorhanden, als gehörten die Deutschen Juden in der That nur einer Partei an. Das ist vielleicht in Berlin der Fall, aber Berlin — so bedeutend es heute ist — ist eben doch nicht Deutschland und deshalb gestatten Sie mir wohl, auf Grund langjähriger und unbefangener Beobachtung diese Verwechslung richtig zu stellen. Ich hatte bereits in den Jahren 1880/81, zur Zeit des Höhepunktes der Bewegung, Gelegenheit, in hervorragenden jüdischen Kreisen Berlins und bei sonst durch ihre Unbefangenheit sich auszeichnenden geistig bedeutenden Männern — wie Lasker, Berthold Auerbach u. A. — die merkwürdige Erscheinung wahrzunehmen, daß die antisemitische Bewegung gerade auf diesem Boden eine weit tiefgehendere Kränkung und Verbitterung hervorgebracht hatte, als sie in der That verdiente und als dies im übrigen Deutschland der Fall war. Ich vermochte mir damals diese Erscheinung aus zwei Gründen zu erklären. Einerseits hatte speziell in der Periode des auf 1870 folbenden nationalen Aufschwungs und unter dem Eindruck der thatkräktigen Mitwirkung bedeutender Männer auch jüdischer Konfession die sog. soziale Enlanzipation der Juden gerade in Berlin überaus rasche Fortschritte gemacht oder schien doch wenigstens solche gemacht zu haben. Die Führer besonders hatten sich allzuleicht in den irrigen Glauben eingewiegt, daß eine so kurze Spanne Zeit genüge, um