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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-05-01 · Heft 5 (1.5.1887) · p. Seite 109

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 5 (1.5.1887)
Date
1887-05-01
Page
Seite 109 (sequence 13)
Language
German
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\ ■ ' 1 — 109 - den der Redner vorführte, hier Einzelnes wiederzugeben, nur das sei noch erwähnt, daß der bekannte Sinnspruch „Was du nicht willst, das dir geschieht rc.", ebenfalls aus dem Talmud und zwar von bem größten aller jüdischen Gelehrten Hillel herstammt. L. Unsere Zustände. In jüngster Zeit war viel von den politischen Verhältnissen der Juden die Rede; wir reden hier von den religiösen. Uebrigens sind beide nicht ganz zu trennen. Selbstverständlich kann und bars die Judenheit sich nicht mit dem Antisemitismus vereinigen und verbrüdern; nicht nur weil dieser die politischen und sozialen Verhältnisse den Juden schädigt und gefährdet, sondern auch weil er der Religion des Judentums feindselig gegenübersteht. Selbst wenn er nur die Verschiedenheit des Bluts und der Race als Grund der Feindseligkeit gegen die Juden vorschiebt: er ist keinesfalls freisinnig und tolerant genug, die Bliite des Judentums gern zu sehen und zu unterstützen. Aber auf religiösem Gebiete denken alle Juden gleich, wenn sie sich auf politischem auch trennen und unterscheiden. Hierin liegt der Beweis, daß die Juden nur auf religiösem, nicht politischem Gebiete geeint sind und zusammenhalten. Diese Einigkeit schließt zwar auch auf religiösem Gebiete abweichende Ansichten und Nuancirnngen nicht aus, aber in dem treuen Festhalten am jüdischen Gottesbekenntnis wie an den unangreifbaren Grundsätzen jüdischer Morallehre und allgemeiner Menschenliebe sind sie sich trotzdem alle einig. Alle bedauern auch den Verfall des religiösen Lebens durch religiöse Ignoranz und Gleichgültigkeit. Die Hauptstütze der Moralität und die Hauptquelle der Idealität ist für die meisten Menschen die Religion; weltliche Bildung reicht dafür nicht immer hin. Die Religiosität der Gesinnung und des Lebens ist vielmehr der starke Fels, an dem sich der Anstoß des in Herz und Haus eindringenden Egoismus und Materialismus bricht. Eben weil dieser religiöse Schutz so vielen Menschen unserer Zeit fehlt, wird die Klage über zunehmenden Egoismus und Materialismus immer allgemeiner und lauter. Denn wo die Religion nicht gepflegt wird und verloren geht, dringen selbstsüchtige und sinnliche Bestrebungen ungehindert ein. Und dennoch fehlt unter den Juden der Religionsunterricht, die Pflege des Gottesdienstes und das religiöse Leben in den Häusern an gar vielen Orten, wenn nicht den meisten, gänzlich, oder ist rein formell und entbehrt der Einwirkung auf Geist und Herz durch Belehrung und Erbauung vollständig. Das mechanische Lesen hebräischer Gebete ist Religionsunterricht geworden, audachts- und gedankenloses Herplappern unverstandener hebräischer Gebete und ebensolches Vorlesen der hebräischen Bibelabschnitte aus Tora und Propheten Gottesdienst und die formelle Ausübung von Cermonien, deren Bedeutung man nicht kennt oder bedenkt, oder die eine solche gar nicht mehr haben, macht die religiöse Erziehung und das religiöse Leben im Hause aus. Welche Einwirkung kann da die Religion auf Geist und Herz, auf Belehrung uttb Ermahnung. auf Gesinnung und Leben üben? Unter solchen Verhältnissen fehlt gar Vielen, wenn nicht den meisten unserer Juden die religiöse Beeinflussung total. Das religiöse Wissen, die religiöse Erstarkung wird nicht gemehrt, sie ist auf den Aussterbe-Etat gesetzt; unsre Generation lebt und zehrt religiös und sittlich zumeist nur von dem überlieferten Erbtheil der Vorzeit. Jedes Vermögen aber,

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