Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1887)
- Date
- 1887-05-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 * kommen. — Auf meinen vielen Reisen habe ich stets beim ersten Eisenbahnläuten mein Coupö fceftiecjett, und das zweite niemals abgewartet — nun dieses erste Eisenbahnläuten klingt mir seit einiger Zeit sehr vernehmlich in den Ohren und da will ich denn das zweite nicht abwarten. — Es giebt keine Judenfrage, es darf keine geben, wo die Völker durch ihre gesetzgebenden Organe, wo sie auf Grund des historischen Rechtes sowie der staatlichen Konvenienz den Juden ein Vaterland gegeben und sie als gleichberechtigte Söhne desselben anerkannt haben, da ist jedes weitere Zerren und Nergeln an diesen wohlbegründeten und wohlerworbenen Rechten, jedes Wühlen in vermoderten Akten Frevel und Anachronismus . . . Und nun noch eines zur Beseitigung von Mißverständnissen, wenn ich es unternommen habe, nachznweisen, daß die Juden zu allen Zeiten ihre rein menschliche und patriotische Gesinnung, so wie ihre erstaunliche Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens bewiesen, so beabsichtige ich damit nicht zu behaupten, daß das Judentum eine bevorzugte, sondern daß es keine niedrigere Rasse ist. — Und das thue ich auch heute, indem ich nach Zurücklegung meines 86. Geburtstages vor einem offenen Grabe stehe, jede wie immer geartete Verunglimpfung des jüdischen Glaubens, und jede wie immer geartete Zurücksetzung seiner Anhänger als schwere Unbill bezeichne. Wechselnd weicht die Zivilisation der Barbarei, aber ein dauernder Rückfall in den alten Schlamm ist nicht mehr denkbar. So — ich lebe und sterbe der Ueberzeugung — wird die Aera der Humanität, die wir vor hundert Jahren hereinbrechen sahen, nur momentan verfinstert, in nicht ferner Zeit wieder hervorleuchten. — Du aber mein armes, noch immer gequältes Volk! thue das deine und stärke dich in dem Bewußtsein, daß du die erste Lehrmeisterin der Menschheit gewesen, noch mehr in jenem, daß du es anstrebst weiter zu bleiben und Alles was dich davon entfernt mit Selbsterkenntnis abzulegen. Dies mein Abschiedsgruß! Hüten wir dieses Vermächtnis! Du aber, edler Heimgegangner, der du mit soviel Wärme und Begeisterung für Recht und Wahrheit eingetreten, um deine bleiche Stirne windet die Nachwelt den Lorbeer der Unsterblichkeit. Israel und die Menschheit wird stets zu dir mit Verehrung aufblicken und wenn einst die großen edlen Menschen unseres Jahrhunderts genannt werden, wird auch der Name Josef Ritter v. Wertheimer strahlen und in unauslöschlichem Glanze hervorleuchten. Weues üöer Waut de Lagarde. Wir haben bereits in einem am 4. Dezember 1884 im Mendelssohn- Verein in Frankfurt am Main gehaltenen Vortrage „Nichtjüdische Stimmen in der Judenfrage" Anlaß genommen, das von dem Göttinger Professor Paul de Lagarde entworfene „Programm für die konservative Partei Preußens" (Göttingcn, Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung 1884) zu beleuchten und zu zeigen, wie auch bei diesem geistvollen um die Wissenschaft sehr verdienten Manne, der von der Krankheit des Antisemitismus ergriffen wurde, an Stelle des Denkens das Phantasieren getreten ist. Seine neueste Auslassung „Lipmann Zunz und seine Verehrer" (Göttingen, Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung 1886) zeigt uns Paul de Lagarde noch immer als den Vertreter und Verkünder eines engherzigen Volksegoismus, für den sich weder Christen noch Juden, die wahrhaft