Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1887)
- Date
- 1887-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Es ist demnach nicht blos Wißbegierde, die den Geist stets vom neuem anspornt, die Untersuchung zu beginnen, sondern die Seelenruhe erfordert dies dringend, da dieselbe von dem Grade der Gewißheit oder Ueberzeugung von dem Dasein Gottes und der Fortdauer der Seele nach den» Tode in hohem Maße abhängig ist. Welcher denkende Mensch vermöchte bei dem Gedanken, daß seine ganze Existenz eine Laune des Zufalls und blinden Ungefährs sei, seine Seelenruhe zu bewahren? Mit Recht wird behauptet, daß kein Materialist oder Atheist sich seine Negation klar zu Gemüte geführt habe, ohne über das gähnende, schaurige Nichts, das sich seinem Denken entgegenstellt, in allen seinen Fugen zu erzittern. Ist es aber in der Natur des menschlichen Geistes begründet, daß derselbe nach der Lösung der ihn tief interessierenden Weltprobleme strebt, so drängt sich uns andrerseits die Frage auf: Warum hat die allgütige Gottheit, als sie den Menschen mit dem kostbarsten Geschenke, der Vernunft, begabte, ihm zugleich das Streben nach Unmöglichkeiten beigegeben? Warum hat sie neben dem wohlthuenden Lichte der Erkenntnis auch die finstere Macht des Zweifels in seine Brust gesenkt? — Wir glauben die Antwort auf diese Fragen in dem Spruche des Koheleth zu finden: „Gott hat die Menschen gerade geschaffen, aber sie suchen viele Grübeleien." Gott hat den Menschen mit geradem und gesundem Verstände geschaffen, damit er dasjenige erkenne und einsehe, was ihm not thut, aber er strebt nach Unerreichbarem, verkennt seine Schranken und grübelt über Dinge nach, die er mit seinen! Verstände nicht begreifen kann, nicht begreifen soll. So ist der gesunde Menschenverstand wohl so eingerichtet, daß er das Dasein eines höchsten Wesens, sich selbst und seine Bestimmung auf Erden erkennen kann; er ist aber nicht darauf eingerichtet, diese Erkenntnis mit mathematischer Evidenz klar zu machen, weil die Hauptbedingung zu einer solchen Art von Erkenntnis, die Anschauung oder die Möglichkeit einer solchen in der Erfahrung, fehlt. — Läßt nun der Mensch seinen Verstand in Verbindung mit seinem Gemüte und mit Inbetrachtziehung der Zweckmäßigkeit der Einrichtung des Naturganzen den Weg der Forschung beschreiten, dann wird er unfehlbar seinen Gott finden und sein eigenes Wesen erkennen. Will er aber voraussetzungslos das Höchste durch sich selbst und aus seinen eigenen Gründen begreifen, so müht er sich allerdings vergeblich ab, und statt des wohlthuenden Lichtes der Erkenntnis ist finsterer quälender Zweifel sein Loos. Ja, nicht blos Zweifel, sondern auch Verzweiflung ist sehr oft das Loos desjenigen, der sich vermisst, das große Geheimnis des Weltalls ohne jegliche Voraussetzung und losgelöst von dem traditionellen Boden jeglichen positiven Glaubens zu ergründen. Denn es ist durchaus nicht übertrieben, wenn behauptet wird, daß ein großer Prozentsatz der in erschreckender Weise zunehmenden Selbstmorde auf Rechnung der Glaubens- und Gottlosigkeit zu setzen sei. Denn der einzige Trost, den eine solche Philosophie dem Menschen zu gewähren vermag, ist die Resignation, die völlige Verzichtleistung auf alles, was er hofft, wonach sein Herz in tiefgewurzelter Ahnung sich sehnt. „Verzichte auf die Zukunft, du Eintagsfliege, du Atom im unendlichen Leibe der ewigen Substanz! Die Gegenwart sei deine Ewigkeit, genieße in derselben, soviel du vermagst. Ist der Augenblick verronnen, dann gehst du bewußtlos in jener Substanz auf, deren verschwindend minutiösester Teil du bist — und hin ist all dein Hoffen, all dein Sehnen." — Ein schöner Trost! Er ist wahrlich geeignet, das hoffnungsvollste Herz zur Verzweiflung zu bringen und den Kampf ums Dasein, um diesen schnell verrinnenden Tropfen aus dem Meere der Ewigkeit aufs Schärfste zuzuspitzen. — Ja, was wäre das Leben mit all seinen Kämpfen,