Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1887)
- Date
- 1887-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 können. Die Wissenschaft soll also nicht umkehren, sondern sie muß vorwärtsschreiten, muß alle Schichten der jüdischen Gesellschaft mit ihrem Lichte durchdringen. Aber nicht die vermeintliche Wissenschaft, das Conglomerat halbverstandener Schlagwörter und zu Gemeinplätzen gewordener Resultate gewisser Naturforscher, die sich in der zersetzenden Tagesliteratur breit macht — sondern die wahre Wissenschaft, welche, an den Grenzen menschlichen Könnens und Wissens angelangt, sich nicht schämt einzugestehen, daß sie darüber hinaus nichts wisse, und die in Bescheidenheit die Ahnungen von einer höheren Macht nicht sogleich zum „Köhlerglauben" stempelt. Die Folgen dieses Durchdringens der wahren Wissenschaft, wenn auch nur in ganz populärer Forni, wiirden bald sichtbar sein, indem der Israelit hierdurch zum vernünftigen Nachdenken über das Verhältnis von Religion zur Wissenschaft überhaupt und der seinigen insbesondere angeleitet werden würde. — Es sei uns gestattet, einige Betrachtungen über dieses Verhältnis im Anschlüsse an unser Thema hierherzusetzen. Durch die Untersuchungen Kant's ist es bekanntlich als unwiderleglich erwiesen worden, daß die menschliche Vernunft nicht im Stande ist,„die gähnende Kluft, die sich ihren Forscherblicken zwischen dem Sinnlichen und Übersinnlichen aufthut, allein zu überbrücken. Alle Anstrengungen der Philosophen der nachkantischen Periode, die Vernunft auch in metaphysischen Dingen in ihre alte Herrschaft wieder einzusetzen, haben sich als vergebliche erwiesen. Ein philosophisches System wurde von dem andern abgethan, und doch schreckte das Schicksal des Vorgängers den Nachfolger durchaus nicht ab, die Üntersuchung und den Aufbau eines Systems immer von Neuem zu unternehmen. Wie erklärt sich diese räthselhafte Erscheinung? Allerdings muß zugegeben werden, daß die Nachfolger Kant's in dessen Theorie manche Lücken gefunden, wo sie ihre Hebel ansetzen zu können glaubten, um seine Philosophie aus ihren Angeln zu heben. Allein der Hauptgrundsatz desselben, daß die menschliche Vernunft, sobald sie sich über die Grenzen der Erfahrung hinauswage, in steten Widersprüchen sich bewege und zu keiner apodiktischen Gewißheit komnien könne — dieser Satz steht nach wie vor unerschütterlich fest, und er sollte billigerweise alle eitlen Bestrebungen, die Herrschaft der Vernunft in ihrem alten Glanze wiederherzustellen, von'vorne herein unmöglich machen. Ja, dem wäre auch wirklich so, wenn in des Menschen Brust nicht etwas Mächtigeres lebte, als alle speculative Systemjägerei es jemals war oder werden könnte. Es ist das tief empfundene Bedürfnis der menschlichen Seele, sich Klarheit über die dunkeln Fragen, die ihre eigene, sowie die Existenz aller sichtbaren Dinge außer ihr betreffen, zu verschaffen. „Woher?" und „wohin?" sind die Hauptfragen, die jedes denkenden Menschen Gemüt am tiefsten bewegen. — Daraus erklärt sich die doppelte Erscheinung, daß der menschliche Geist einerseits seine eigene Ohnmacht eingesteht, den Ürgrund und den Zweck des Alls zu begreifen, und daß er andrerseits sich immer wieder unterfängt, seine Kräfte überschätzend, dieses Problem doch auf eigene Faust zu lösen. Die Geschichte der Entwicklung des menschlichen Denkens liefert hierfür zahlreiche Belege. Auf eine Periode der angestrengtesten dogmatischen Thätigkeit der Vernunft folgt gewöhnlich der Skeptizismus, der eigentlich gleichbedeutend ist mit dem offenen Geständnis der Vernunft, daß ihr Horizont ein sehr beschränkter sei. Dabei ist sie jedoch fern von der völligen Resignation auf alles weitere Forschen. Denn bald darauf beginnt eine neue rege Thätigkeit des Geistes und ein rastlos Streben, das bereits aufgegebene Problem zu lösen. — 9*