Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1887)
- Date
- 1887-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 deren Resultate durch die glatten Federn der französischen und englischen Materialisten auch in nichtfachmännischen Kreisen bekannt und verbreitet wurden, haben nicht wenig dazu beigetragen, die Grundfesten der Religion im Volke zu lockern. Denn mit der Aufklärung desselben über naturwissenschaftliche Dinge ging die vermeintliche Aufklärung in religiösen Dingen meist Hand in Hand. Man suchte im besten Falle die biblischen Anschauungen mit der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen, wobei selbstverständlich die ersteren sich oft eine Prokrustesoperation gefallen lassen mußten. Diese Richtung wird der Rationalismus genannt. In den meisten Fällen jedoch wurden die biblischen Wunder einfach negiert, man spottete weidlich über den blinden Wunderglauben und hielt sich für — aufgeklärt. Da nun die Juden, wie zu allen Zeiten, in denen der menschliche Geist einen mächtigen Aufschwung zeigte, so auch an der Aufklärung des 18. Jahrhunderts bedeutenden Anteil genommen hatten, so braucht man sich nicht darüber zu verwundern, daß auch die Grundfesten des jüdischen Glaubens in großen Schichten des Volkes sich zu lockern begannen. Hierin sind die Ursachen des so gefährlichen Jndifferentismus in Religionssachen vorwiegend zu suchen. — Es sollte leider aber noch schlimmer kommen. War der damals bei den Juden weit verbreitete Rationalismus weit davon entfernt, sich mit dem Materialismus zu identifizieren, so gewann nach der Vernichtung des ersteren durch den Kritizismus der Materialismus immer mehr an Terrain, und zugleich tauchte in Schelling ein neuer Vertreter des Pantheismus auf, dessen Ausläufer wir in den Systemen Schopenhauers und Hartnianns erblicken, welche einer« großen Teil der gebildeten Menschen der Gegenwart beherrschen. Daß diese letzteren Systeme auf die Religion in furchtbarer Weise zersetzend einwirken, ist eine allgemein bekannte Thatsache. Sie sind in dieser Beziehung viel gefährlicher als der Rationalismus des vorigen Jahrhunderts. Während damals der Kampf der Aufklärung sich hauptsächlich gegen jede geoffenbarte Religion richtete, die Vernunftreligion hingegen warme Verteidiger in Rousseau und Voltaire fand; während der letztere noch den denkwürdigen Satz schrieb: „Ohne die tröstliche Aussicht des Glaubens an einen Gott schwimmen wir alle in den Fluten, haben fortwährend mit den Wellen zu kämpfen und keine Aussicht, je das Ufer zu erreichen", segelt die moderne Philosophie größtenteils unter der Flagge des Pantheismus oder, was fast dasselbe bedeutet, des Atheismus. Es fehlt ja ausgesprochenermaßen dem Pessimismus jede Spur von dem Begriffe eines persönlichen Gottes. — So ist es erklärlich, daß das 19. Jahrhundert nicht blos Jndifferentismus, sondern sogar Atheismus in bedanerlicher Verbreitung unter den Juden aufzuweisen hat. Es drängt sich nun jedem um die Existenz des Judentums aufrichtig besorgten Israeliten die bange Frage auf: Wie ist diesem Umsichgreifen der verderblichen Ideen eutgegenzutreten? Sollen wir etwa nach berühnitem Muster ausrufen: „Die Wissenschaft muß umkehren!"? Allerdings giebt es noch Finsterlinge auch in Israel, welche durch Fernhaltung der Jugend von den Quellen des Unglaubens, den profanen Wissenschaften, dem Übel abzuhelfen meinen. Indessen braucht man nicht weit zu gehen, um diese Ansicht als eine durchaus irrige zu widerlegen. Ein Blick auf die' Geschichte der Juden zu Beginne dieses Jahrhunderts zeigt uns zur Genüge, daß gerade das Verbot des Studiums der profanen Wissenschaften in den Reihen der Talmudjünger viele „Epikuräer" oder wie man sie sonst zu nennen pflegte, „Berliner" gereift hat. — Wir sind im Gegenteil der Ansicht, daß, wie der Krieg nur durch den Krieg, so auch die Auswüchse der Wissenschaft nur durch die Wissenschaft selbst beseitigt werden