Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1887)
- Date
- 1887-04-01
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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’1 tr* T*^ '' v<\' *f r — 84 — Nachman Krochmal war in Brody, den 17. Februar 1780 geboren, woselbst sein Vater Kaufmann war. In früheren Zeiten hatte Krochmals Vater zu Geschäftszwecken Berlin besucht und dort die Bekanntschaft Mendelssohn's gemacht. Ohne Zweifel war Nachmans spätere Schätzung Mendelssohn's dem Einflüsse des Vaters zu verdanken. Gemäß dem Erziehungssystem in den polnischen Gemeinden jener Zeit war Krochmal schon frühe in den Talmud und in die rabbinische Litteratur eingeführt worden, wogegen aber alle andern Schriften versiegelte Bücher für ihn blieben. Wir müssen aber nicht zu hart in unserem Urteile über unsre polnischen Brüder sein, denn viele werden zu dem andern Extreme getrieben und scheinen zu glauben, daß eine Kenntnis des Talmud streng von der Erziehung eines Gentleman ausgeschlossen sein müsse. Im Jahre 1798, als er erst ein Jüngling von 18 Jahren war, wurde Krochmal verheiratet. Man kann sagen, daß in Folge dieser thörichten Gewohnheit des Frühheiratens Krochmal kaum je ein Jüngling war. Es ist Praxis in Polen, daß der Vater der Braut während einer längeren Periode nach der Heirat für seinen Schwiegersohn sorgt. Krochmal nahm daher seinen Wohnsitz in Tarnopol. Hier widmete er sich mit großem Eifer dem Studium, und begann die Sphäre seines Wissens zu erweitern. Durch seine Heirat gewann er viele Muße, er las den „Führer des Irrenden" von Maimonides, und fing an, Deutsch zu lernen. Zu gleicher Zeit aber begegnete er vielen Schwierigkeiten und Hindernissen. Es würde zu weit führen, auf diese seine Kämpfe hier näher einzngehen, aber folgender Auszug aus einem Briefe Rappaports an einen seiner Freunde im Jahre 1841 giebt eine Idee über diese unglücklichen Zustände: „Es ist für Sie leicht, Einseitigkeit zu vermeiden und verschiedene Wissenschaften zu studieren, denn Sie besitzen viele Schulen und Lehrer. In Polen und Rußland muß der Jude, der irgendwie Vervollkommnung wünscht, den Weg für sich selbst finden. Und wenn es ihm gelungen ist, den rechten Pfad zu finden, dann frägt man ihn häufig, ob er irgendwelche wissenschaftliche Bücher in seinem Hause besitzt, wo er dann gewarnt wird, sie so heimlich als möglich zu bewahren, denn, falls die Sache ruchbar wird, so giebt es genug Bigotte in der Stadt, die ihn und seine Familie verfolgen." Unter solchen Umständen oblag Krochmal seine Studien. Obgleich er vollständig die Werke von Lessing, Schiller, Kant, Fichte, Schelling und Heine beherrschte, bedauerte er es stets, nicht die Vorteile eines systematischen Unterrichts genossen zu haben. In einer spütern Lebensperiode studierte er Französisch, und las die bessern Bücher dieser Sprache so gut wie Syrisch und Arabisch. In diesem schwierigen Studiengange aufgehend, verlebte er die ersten zehn Jahre seiner Ehe, womit seine erste Lebensperiode geschlossen sein mag. Während dieser Periode ward seine Gesundheit geschwächt und er gewann nie seine ursprüngliche Kraft wieder. Er gieng sodann nach Lemberg, wo eine Gesellschaft junger Gelehrter sich um ihn schaarte, von denen der begabteste Rappaport ivar, der noch berühmter ward als sein Lehrer. Der talmudische Titel „Lehrgeuosse" bezeichnet passend die Intimität, welche zwischen den beiden Gelehrten herrschte. Denn Krochmal hielt keine festen Vorträge, er unterhielt sich nur in freundschaftlicher Weise mit denen, die sich um ihn schaarten, um ihn zu hören. Rappaport, der für geschichtliche Studien schwärmte, wurde von ihm in der Methode kritischer Forschung unterwiesen. Krochmals bezaubernde Persönlichkeit fiihrte ihm Schüler aller Stünde zu. Rappaport beschreibt seinen ersten Besuch bei Krochmal als „süßer als alle Vergnügungen dieser Welt; in jedem seiner Worte hielt er eine gute Lehre verborgen." Während dieser Zeit gab er