Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1887)
- Date
- 1887-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Vater jüdischer Wissenschaft" ein. Den Titel des Werkes wählte er absichtlich, um darauf hinzuweisen, daß „der Führer" des Maimonides zwar richtig ist, aber nicht mehr für unsere Zeit genügt. Auch Krochmal hat nicht alle Berwicke langen unserer Zeit lösen können, und uns noch viele derselben zurückgelassen. Zwei Dinge aber sind für uns gewiß! Erstens, unsere einzige Hoffnung liegt in wahrer Wissenschaft, und nicht in Unwissenheit; und zweitens, daß wir zu studieren haben, nicht um „Rabbi" oder „Gelehrter" zu heißen, oder reich zu werden, oder in einer zukünftigen Welt belohnt zu werden, sondern aus Liebe zur Wissenschaft, der einzig schützenden Wissenschaft, so wie sie Nachman Krochmal besessen hat. Hedarcken über das Gfiristenlum. Das Christentum ist eine Tochter des Judentums; es ist daher nicht auffällig, daß die Tochter der Mutter ähnlich ist. Alles Christliche läßt sich jedoch nicht aus dem Judentum herleiten und erklären; heidnische Anschauungen, Lehren und Sitten haben auf die Umbildung des Christentums mit eingewirkt. Dagegen wird viel Jüdisches in Verleugnung seines Ursprungs, „christlich" genannt. So spricht man von „christlicher Liebe", wie wenn es nicht auch eine „jüdische" gäbe und diese weniger thatkräftig wäre. So spricht man von der „christlichen" Unsterblichkeitslehre, wie wenn das Judentum eine solche nicht besäße. Selbst die christlichen Feste, Weihnachten nicht ausgenommen, haben einen jüdischen Ursprung und nur durch Umformung eine christliche Bedeutung. Wie ist es mit bem christlichen Neujahr? Man ist gewohnt, dasselbe für specifisch christlich zu halten. Mit Unrecht. Der Jahresanfang im Januar ist nicht mit dem Christentume aufgekommen, sondern bestand schon in Römerzeiten. Ursprünglich begann das Jahr bei den Römern, wie bei allen alten Völkern, auch den Juden, im Frühling, und man hatte einen Jahresabschnitt von zehn Monaten (Dekade). Man nannte die Monate nach ihrer Zahl, wovon September bis Dezember noch ihren Namen tragen. Auch in der Bibel wurden anfänglich die Monate noch nach der Zahl bestimmt, und auch die Dekade scheint damals in der Bibel als Jahresabschnitt gegolten zu haben (Gen. 24, 55: „einige Tage oder zehn (Monate)" d. i. ein Jahr.) Erst die spätere Ausgleichung mit dem Sonnenjahr, bei den Juden schon früh üblich, forderte 12 Monate für das Jahr, und diese Einrichtung bewirkte Julius Cäsar durch Einführung des Julianischen Kalenders. Nur die Jahreszahl bezieht sich auf die christliche Aera. Jedoch beanstandet der Jude deren Verwendung im gewöhnlichen Leben nicht. War doch auch schon früher im heiligen Lande bei den Juden eine fremde Aera üblich; die selnucidische, nach welcher sie sich im Leben richten mußten; sie wurde deshalb auch minjan schtarot oder aera contractum genannt. Die christliche Aera wurde mit der Machtstellung eingeführt, welche das Christentum durch die Bekehrung der Römer und römischen Kaiser gewann. Von da an trat auch das Christentum feindselig und polemisch gegen Juden und Judentum ans. Die bekehrten Heiden erfuhren nichts von dem jüdischen Ursprug ihrer neuen Lehren oder leugneten denselben und nannten das fortan christlich, was eigentlich jüdisch ist. Man bekämpfte Judentum und Juden, um so vermeintlich den jüdischen Ursprung und Zusammenhang mit dem Christentum zu verwischen. Alle Feindschaft ging von Anfang an von den Christen aus;