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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-04-01 · Heft 4 (1.4.1887) · p. Seite 80

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 4 (1.4.1887)
Date
1887-04-01
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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76 manche Juden, welche, dieser hohen Bedeutung der Zeremdnien uneingedenk, nur aus Gewohnheit daran hängen; aber diejenigen, welche mit der Entwickelung gleichen Schritt hielten, behaupteten die Formen eben nur so lange als sie notwendig waren und ihren Zweck erfüllten. Und in der That, die spanischen Judrn, welche als die Gebildesten ihres Stannnes zuerst den inneren Kampf durchfochten hatten, ließen zuerst den abschließenden Zaun fallen und fügten sich in die Sitten Spanien's, während zur selben Zeit die ungebildeteren Inden Deutschlands ängstlich diese Schutzwand hiiteten. Man ist geneigt, sich unter den Juden des Mittelalters jene rastlos gehetzten Handelsleute zu denken, welche Deutschland mit ihrem Elend durchzogen; aber das war nur ein Zerrbild des Judentums. In Spanien, von dessen blauem Himmel die Sonne glänzend und ewig heiter, wie in Jerusalem, der alten längst verlorenen und noch immer heiß geliebten Heimat, herniederstrahlte, lag sein eigentlicher Schwerpunkt. Hier erfaßte der Jude mit regem Eifer jeden Zweig des Wissens und der Industrie, der ihm offen stand: jüdische Räte standen zur Seite der Könige, jüdische Aerzte und Gelehrte wurden befragt und zu Rate gezogen und glänzende Synagogen erstanden im ganzen Reiche. Aber die katholische Geistlichkeit sah mit neidischen Augen das Aufblühen des gehaßten Feindes. Unter dem frömmelnden Ferdinand von Aragon vertrieb das blutbedeckte Haupt der Inquisition Torquemada, die unglücklichen Juden aus dem Lande, das sie über ein Jahrtausend glücklich und zufrieden bewohnt hatten. Vergebens weinte und flehte der edle Don Isaak Abravanel vor dem hartherzigen Könige für seine Stammesgenossen; seine Thränen waren ebenso umsonst, wie die Klagen des ebenfalls von diesem frommen Fürsten vertriebenen letzten Maurenkönigs Boabdil el Chigo, als er und sein Volk, zum letzten Male von der Höhe des Gebirges auf das liebliche Granada hinabschauend, mit blutendem Herzen von der märchenhaft prächtigen Alhambra Abschied nahmen. — Unglücklicher noch hatte aber Spanien sich selbst gemacht: die Werkstätten, die Häfen, die Handelsstraßen lagen öde, und sogar die Entdeckung Amerika's konnte Spanien nicht vor dem Verfall retten, weil das rührige, industriöse Volk fehlte, welches im Stande gewesen wäre, die neuen Quellen vorteilhaft auszubeuten. Die vertriebenen Juden aber fanden mit ihrem Reichtum an Gold und feiner Bildung überall freundliche Aufnahme, namentlich in Amsterdam und in Hamburg, wo sie noch heute als starke Gemeinde mit eigenem Ritual, iu welchem sich manche Spuren der Kabbala finden, und einer besonderen, wohlklingenderen Aussprache des Hebräischen, sich streng von den deiltschen Juden getrennt halten. Sie brachten, wohin sie kamen, den Sonnenschein ihrer höheren Bildung und frisches, geistiges Leben mit, da sie den Kampf zwischen Vernunft und Glauben, zwischen Philosophie und Dogma, hinter sich hatten, und, mit sich selbst einig, im Stande waren, den einigen Gott frei zu erfassen. So war es denn auch ein Sohn spanischer Emigrierter, welcher die jüdische Idee in ihrer letzten Konsequenz ausführte, es war der große Spinoza, der in seinem Pantheismus den jetzt in sich einigen Menschen mit dem einigen Gott vereinte. Nun brauchte das Judentum sich nicht mehr nach Nationalität zu sehnen, um dem Monotheismus eine reale Gestaltung zu geben, eine Gestaltung der Gottesidee war eben nach Spinoza — die Menschheit selbst. — Hier war die Idee des Judentums theoretisch erfüllt; aber es hat noch zweier Jahrhunderte bedurft, bis die Theorie in das Bewußtsein, wenn auch nur der Gebildeten, des Volkes übergegangen ist. Das Judentum hat also nach einer Seite hin seine Aufgabe erfüllt, es hat die Idee seiner Jugend kräftig entwickelt und ist durch Freiheit der forschenden Vernunft siegreich zur Einheit seines Wesens durchgedrungen.

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