Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1887)
- Date
- 1887-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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außerdem in die Zeit der erbitterten Kämpfe fiel zwischen den orthodoxen Dogmatikern, den Pharisäern, einer freisinnigen, lebenslustigen Mittelpartei, den Sadducäern, und den asketischen Mystikern, den Essäern. Hätte diese merkwürdige Sekte, welche ein eheloses, streng enthaltsames, beschauliches Leben in der Wüste führte, und der Geistesthätigkeit, der Spekulation des Jndividiums, entgegengesetzt dem starren Buchstabenglauben der Pharisäer, den freiesten Spielraum öffnete gesiegt, eine Sekte, zu welcher der von „Heuschrecken und Honig in der Wüste" lebende Johannes der Täufer gehörte, deren Lehren wie die Abtödtung des Fleisches, die Gottgefälligkeit der Ehelosigkeit und der Ascese, die Lehre vom 1000 jährigen Reiche, zum Teil unverändert in das Christentum übergegangen sind, zum Teil, weiter ausgebildet, in der christliche Sekte der Gnostiker sich noch lange erhalten haben, aus deren Anschauungen die „Offenbarung Johannis" entstanden ist, deren düstere phantastische Visionen in der hehren Stille und Einsamkeit der Wüste vor die Seele des nächtlichen Beschauer's getreten sein mögen, hätte diese Sekte gesiegt, so wäre die Aufgabe des Judentums: „Durch geistige Freiheit zur Einheit" gelöst gewesen, und die Geschichte würde das jüdische Volk als ein unnötig gewordenes Werkzug bei Seite geworfen und vernichtet haben. So aber siegten die Pharisäer. Wir werden sehen, wie sich nach fünfzehn Jahrhunderten die gleiche Erscheinung zeigt, daß nämlich das Judentum, nahe am ersehnten Ziele seines Strebens und seiner Wünsche, scheitert und sein greises, von der Last der Jahrtausende gebeugtes, Haupt noch nicht zur Ruhe legen kann. Die orthodox-katholische Kirche, welche sich ans der mißverstandenen christlichen Lehre entwickelte, stand im grellsten Kontraste zu Dem, was die Juden erstrebten. Sie schuf allerdings eine Einheit, aher eine solche, welche alle Freiheit absorbierte, und so gieng das Judentum selbstverständig auf seinem Wege weiter. Der letzte Versuch, eine Nationaleinigung zu schaffen mißlang; Bar Kochba, der Sternensohn, und sein Ratgeber Rabbi Akiba fielen im Freiheitskampfe und das jüdische Volk wurde über die ganze Erde zerstreut. Als Nation sollte es also zur Einigung nicht gelangen, wiewohl noch in viel späteren Jahrhunderten sich mit der Erwartung des Messias nationale Hoffnungen verbanden. Die Einigung sollte sich auf höherem, auf geistigem Gebiete, vollziehen. In der Stille des Exil's, wo die Gedanken Zeit hatten den inneren Zustand der Seele zu betrachten, erstand der wahre Messias des jüdischen Volkes — die Philosophie. Von den schüchternen Versuchen des Saadias Gaon und seiner Anhänger von den Philosophenschulen zu Pumpadita Nahardea und Sura — bis zu Maimonides, dem scharfsinnigen Ordner und Interpreten des Talmud, der mit kühner Hand der Philosophie den gebührenden Platz anwies und den Weg vorzeichnete, auf welchem das Judentum zur Einheit in sich gelangen mußte, strebte eine Reihe geistvoller Philosophen und Dichter, wie Jehuda Halevi, Al charisi, Jbn Gabirol, Jbn Esra, für die Ausgleichung des inneren Zwiespaltes, und was diese Weisen, ihren Zeitgenossen voraus, theoretisch hingestellt, das machte sich das Judentum in langsamem Fortschritt zu eigen. Nicht leicht mag dieser Kampf gewesen sein inmitten feindlicher Elemente, und es wäre den Israeliten unmöglich gewesen, Unabhängigkeit und Freiheit, ihre Lebensbedingung, zu behaupten, wenn sie nicht die trennende Schranke starrer Formen um sich gezogen und sie zum Wall ihrer Freiheit gemacht hätten. Diese Stellung gab dem Zeremoniell ausdrücklich Maimonides in seinen „More Nebuchim" dem „Führer der Verirrten," indem er es „einen Zaun um das Gesetz" nennt, und seiner Richtung wurde, wie in allem Anderen, so auch hierin gefolgt. Zwar gab und giebt eS