Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1887)
- Date
- 1887-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 gegönnt wurde, da schossen ihre Ideen mächtig in die Höhe, und jeder freiere Luftzug entführte den Samen.über alle Lande. — Unter Carl dem Großen und Ludwig dem Frommen z. B., die den Juden ausnahmsweise einige Freiheit gestatteten, blühte das Judentum zu solchem Einfluß auf, daß die Geistlichkeit bittere Klage gegen den Kaiser führte, weil ihre Kirchen leer ständen und das Volk sich eifrig zu den Gotteshäusern der Juden drängte, wo es zur Empörung gegen die hohe Macht des Papstes aufgereizt würde. — Hauptsächlich die Bischöfe Amolo und Agobard von Lyon bewirkten dann durch ihre fanatischen Vorstellungen, daß die Juden wieder unterdrückt und in ihre finstere Ghettos eingeschlossen wurden. Auch in Spanien kam es später häufiger vor, daß die Kirche in ernsten Zwiespalt mit toleranten Königen geriet, weil unter ihnen das Judentum immer festeren Boden gewann und die ganze Bevölkerung mit revolutionären Gedanken durchdrang. Und als in Spanien in Folge des harten Druckes späterer Zeit viele Israeliten zum Christentum übertraten, wurde die Gefahr für die Kirche noch größer, weil diese Männer, die s. g. Naranos, in der Tiefe des Herzens dem alten Glauben treu geblieben waren, und in den hohen Stellungen im Staate, zu welchen ihre geistige Bedeutung sie beförderte, um so größeren Einfluß hatten. Endlich sah die Geistlichkeit in ihrer Furcht vor den scharfen Pfeilen kritisierender, freier Vernunft kein anderes Mittel, als die Maranos in die Folterkammern der Inquisition, die ja schon so gut mit den Moriscos fertig geworden war, und die Inden in's Exil zu treiben. Der Zug dieser hochgebildeten Verbannten ergoß sich über alle Reiche der bewohnten Erde, vor allem nach Deutschland, dem Mittelpunkte damaliger Kultur. Sie hatten auch die äußere Freiheit einmal gekostet, und brachten, wohin sie kamen, die Sehnsucht nach dem Göttertrank, den der Haß der katholischen Kirche ängstlich verwehrte. Es war wohl kein Zufall, daß um diese Zeit der Reformation jene Empörung gegen den tötenden Autoritätsglauben des Katholizismus losbrach, zur selben Zeit, wo der freie Forschergeist des Judentums schwerer, denn je, um seine Existenz mit der katholischen Kirche ringen maßte, schwerer denn je, unter ihrem Drucke seufzte. Es war ein Schritt der Freiheit, den Luther that, und durch sein Zurückgehen auf die ursprünglichen Lehren trat er entschieden dem Judentume näher. In der That hegte der große Reformator in der ersten Zeit seines Wirkens durchaus freundliche Gedanken gegen das Judentum und er hoffte, es würde mit Eifer gegen den gemeinsamen Feind zu Felde ziehen. Und wäre nicht Luther inmitten seiner Protestation gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit des Individuums stehen geblieben, so hätte schon damals das Judentum froh die dargebotene Hand erfaßt und gemeinsam mit dem Christentum das gemeinsame Ziel, das Ideal der Menschheit erstrebt, welches erreicht sein wird, wenn die Mängel der Individualitäten sich ausgleichen in der Wiedervereinigung mit dem Ewigen und Guten, von dem sie ausgegangen sind, wenn der Mittelpunkt alles Denkens und folglich alles Seins nicht mehr das endliche „Ich" mit seinen Schwächen sein wird, sondern das Unendliche, das Ewige, das da war, ist, und sein wird. So sollte es aber nicht kommen; die Aufgabe des Judentums sollte noch nicht erfüllt sein. Luther, nachdem er die Autorität des Papstes mit kühner Hand zertrümmert, schuf eine neue Autorität, indem er seine Lehrmeinung zum fertigen Dogma fixierte und die freie Wahl, die Selbstverantwortlichkeit des Individuums durch die Lehre von der Erbsünde wieder vernichtete. Von diesem Augenblicke an zog sich das Judentum, dessen Grundlage ja die Selbstverantwortlichkeit des Menschen ist, schroff zurück, ungeblendet von der