Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1887)
- Date
- 1887-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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Aber nicht hierin allein konnte seine Aufgabe bestehen; denn wie jeder einzelne Mensch nicht nur seinen eigenen Charakter ausbilden muß, sondern, wenn er dies gethan, der Mitwelt denselben dienstbar zu machen verpflichtet ist, so ist es auch bei den Völkern, und das Judentum hatte demnach den Beruf, seine Idee auch zur Bildung der Welt geltend zu machen. Im ganzen Altertume wogten, wie wir sehen, die Ideen in gewaltigem Kampfe durch und gegeneinander; es waren eben die Jünglingsjahre des jüdischen Volkes. Erfüllt von ungewissem und nicht klar bewußtem Drängen und Sehnen war es wenig geeignet, nach außen hin positiven Einfluß zu'üben. Da es sich selbst noch nicht ganz in seinem Charakter befestigt fühlte, so wandte es sich mit extremer Härte gegen Alles, was ihm entgegen war. Die Philistüer, Ammoniter und die anderen heidnischen Stämme seiner Nachbarschaft zerschmetterte es, und das junge Christentum wies es mit jener Schroffheit zurück, welche inan ihm nie vergessen hat, selbst dann nicht, als es diese rauhe Eigenschaft seiner jüngeren Jahre längst verloren hatte. — Aber auch in seiner späteren Geschichte war es stets bereit, sich laut als Feind jeder Richtung zu bekennen, die von dem Ziele abwich, das ihm nach fester Ueberzeugung als das rechte galt. Die Päpste in Rom wußten wohl, was in diesem Volk, dem winzigen, getretenen, glühte; sie kannten den freien Sinn der Unabhängigkeit, welcher der schwersten Ketten spottete, welche gegenüber jedem Autoritätsglauben, gegenüber jeder dogmatischen Verknöcherung, die Fahne der Freiheit erhob. Die römischen Päpste verfolgten Keinen ohne Grund; sie hatten eingesehen, daß sie die Juden nie in den Schooß der heiligen Kirche zwingen würden; sie strebten deshalb nach der Ausrottung des ganzen rebellischen Geschlechts und bedachten in ihrem Fanatismus nicht, daß sie vergebens, weil gegen eine lebendige Idee, kämpften. Ob auch Nicolaus V. im Jahre 1450 durch Johann Capistrano Kreuzzüge gegen die Juden predigen ließ, ob auch die Inquisition Tausende unter unerhörten Martern hinschlachtete, — denn in der Thal, es kamen in jenen schrecklichen Zeiten jährlich etwa 100000 Juden um — die Entkommenen trugen jedes Unglück mit dem erhebenden Bewußtsein, für ihre Ueberzeugung, für eine große Idee zu leiden, und jeder Schlag erzeugte neue Stärke. Sah doch die ganze Welt, sah doch vor allem Deutschland diesen zähen Widerstand, diesen stillen Duldermut, der großartiger war, als der höchste Thatenruhm, und die Leiden des arme», gequälten Volkes sprachen wohl stärker zum Herzen der Mitwelt, als die Worte der Päpste, die mit blutigem Schwerte in der Hand Liebe und Frieden predigten. Mußte es nicht klar werden, daß es noch eine höhere Macht giebt, als die prangende, herrliche des Vatikans — die Macht der Ueberzellgungstreue! So erfüllte das Judentum nach dieser Seite hin seine Pflicht, treu und unverdrossen, ohne sich zu kümmern, daß es — erklärlicher Weise — nicht Anerkennung oder Dank, sondern Haß und Verachtung erntete. Aber es war nicht nur zum Leiden für seine Idee bestimmt, es sollte sie auch selbsthandelnd vertreten und ausbreiten. Denn abgesehen davon, daß es im Altertum ganz allein den aus den aegyptischen Vorstellungen von dem geheimnisvollen Amun, der Viereinheit aus Raum, Materie, Zeit und Geist, entwickelten Monotheismus wie ein heiliges Feuer hütete, an dem sich zwei mächtige Religionen, das Christentum und der Islam, entzündeten, abgesehen davon war das Judentum auch in der späteren Zeit der reinste Repräsentant der freien Eiuheitsidee, die es stets wachhielt und verkündete. Wohin die Juden auch verstreut wurden, überall begleitete sie dieses ihr höchstes geistiges Gut, und wo ihnen ein geringer Raum