Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1887)
- Date
- 1887-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Aussicht, seinen Haß an dem alten Feinde befriedigen zu können. Es wollte nicht auf die zweifelhafte Möglichkeit einer freieren Entwickelung in der Zukunft seine jetzige Geistesfreiheit aufgeben, und war zufrieden, Keime in das Christentum geworfen zu haben, die im Kampfe der Reformation langsam erblühten. So konnte denn zwei Jahrhunderte spater Spinvza's Lehre der absoluten Einheit alles Menschlichen und Göttlichen einen mächtigen Nachhall in Deutschland finden. Lessing, der kühne Vertreter spinozistischer Ideen, erschiitterte gewaltig den alten Glaubensdom mit seinem „Nathan", in welchem er darlegt, daß der Kern, das Wesentliche aller Religionen — der ihnen allen gemeinsame Zng des Humanismus, d. h. das Streben ist, den jedem Menschen innewohnenden Teil des Göttlichen vermöge des freien Willens zur unbedingten Herrschaft über die Leidenschaften des Körpers gelangen zu lassen. Und vollends Kant mit seiner „Kritik der reinen Vernunft" stürzte den Dogmatismus, der sich zum letztenmale in der Christian Wolf'schen Lehre verkörpert hatte. Diese Revolution der Vernunft gegen ihre Unterdrücker durchdrang die Wissenschaften und Künste, und alles entfaltete sich schöner unter dem Hauche geistiger Freiheit. Da sanken auch die eisigen Umhüllungen des Judentunis vor den milden Strahlen der Humanität, die von ihm selbst ausgegangen war, und an Moses Mendelssohn's Hand trat es froh aufatmend in die freie Bahn der Menschheit ein. Wohl sind nicht alle Spuren der einstigen Feindschaft verwischt, wohl hängt noch ein großer Teil des jüdischen Volkes an den Formen, den liebgewordenen Hütern der Freiheit, aber die Gebildeten beider Religionen streben jetzt schon vereint dem hohen Ziele der Menschheit zu, und die Zeit wird nicht mehr fern sein, von der ein alter Profet vorher gesagt hat: „An diesem Tage wird der Herr nur Einer sein und sein Name Einer auf Erden!" Dann hat das Judentum seine Aufgabe erfüllt und seinen schönsten Triunipf gefeiert: es hat sich selbst, es hat die Welt durch Freiheit zur Einheit geführt! — Iie Befreiung des Geistes. Nicht blos mit dem Volke Mizraims, das von Recht und Freiheit nichts hören wollte, sondern auch mit seinen eigenen Stammesgenossen, den Kindern Israels, die unter dem Joche der Knechtschaft seufzten und den Ruf der Erlösung nicht begriffen, hatte Moses in Aegypten einen schweren und langwierigen Kampf zu bestehen. Wir wissen, daß er schon von allem Anfänge an, als er zum ersten Male in ihre Mitte trat, als er zu seinen Brüdern hinauszog, um bei dem schmerzlichen Anblicke ihrer Leiden ihnen als ein friedlicher Helfer und Berater entgegenzukommen, von ihnen schief angesehen, ja als ein widerwärtiger Störenfried von ihnen abgewiesen wurde. Wer hat denn dich hierher bestellt, riefen sie in ihrer aller Vernnnft und Gerechtigkeit spottenden Verblendung ihm zu, wer hat denn dich zum Fürsten und Richter über uns gemacht, daß du in unsere Streitigkeiten dich einmischen und über unser Verhalten uns Vorschriften machen willst? denkst du vielleicht, daß sich unser einer von dir totschlagen läßt, wie jener Aegypter, der dort im Sande vergraben liegt'? Das war der erste Willkommsgruß, den