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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-03-01 · Heft 3 (1.3.1887) · p. Seite 59

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 3 (1.3.1887)
Date
1887-03-01
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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H — 59 — Die Nebeneinanderstellnng Göthes und Spinozas mag auf den ersten Blick befremdend erscheinen. — Spinoza, das erhabenste Beispiel eines dem reinen Spiritualismus hingegebenen Geistes und reiner Enthaltsamkeit im Leben, neben ihm Göthe, welcher nach dem Prinzipe, das er „die Kultivierung und Vollendung seines Wesens" nannte, dem Sinnlichen in Gedanken und That die Zügel schießen ließ, sich dadurch als warmer Anhänger von Rousseau's „Evangelium der Natur" bekundend. Göthe hielt „die Philosophie an sich" in Armlänge von sich entfernt, fürchtend durch die Beschäftigung mit ihr von seinem ethischen Prinzipe der Selbstkultur, welches besagt, daß Jeder sich selbst kennen niuß, um sein Werk zu kennen, und sich nicht zu fernliegenden Bestrebungen und Interessen abziehen lassen darf, abgeleitet zu werden. Eine Art Instinkt, daß eine Annäherung an die Philosophie eine Gefahr für die große Quelle seiner Stärke „den intuitiven Gedankenprozeß" sein würde, leitete außerdem noch den Dichter. Aber was Göthe zu dem Studium der jüdischen Philosophen hinzog, war der wesentliche Kern des Spinozismus, der eine gleiche Saite in seiner eigenen Philosophie vibrieren machte, es war die große Lehre der „Einheit", wie sie in der Redefigur „das Ganze der Natur ist eine Individualität" enthalten ist. Und so sehen wir, daß Spinozas Ausspruch: „In dem menschlichen Körper ist das ganze Universum wiedergespiegelt, er ist das Meisterwerk der Natur, welches alle Kombinations- und Organisationsformen enthält, welche die Natur Hervorbringen kann," ein wahrhaft Göthe'scher Gedanke ist. Göthe spricht sich über die Frage, welche Philosophie in Harmonie mit seiner Denkungsweise stehe, so aus: „Wenn sie sich in Unterarten zerteilt, kann ich nicht mit ihr fertig werden; ich muß in der That sagen, daß sie mir durch Störung in meinem natürlichen Berufe geschadet hat. Aber wenn sie vereint, oder besser, wenn sie unser ursprüngliches Gefühl der Einheit niit Natur erhöht und stärkt, es erhöht zu einer friedlichen Anschauung, daß unter ihrem äußeren exoterischen Charakter ein göttliches Leben für uns ruht, selbst wenn es uns nicht gestattet ist, ein solches Leben selbst zu führen, dann ist sie mir willkommen und ihr könnt auf meine Sympathie rechnen!" Wir können uns hiernach den Zauber erklären, welchen Spinozas „Ethik", das einzige philosophische Werk, dessen Einflüsse er sich nie entziehen wollte, auf ihn ausübte! Hören wir seine eigenen Worte: „Was ich mir aus dem Werke mag herausgelesen, was ich in dasselbe mag hineingelesen haben, davon wüßte ich keine Rechenschaft zu geben; genug, ich fand hier eine Beruhigung meiner Leidenschaften, es schien sich mir eine große und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt aufzuthnn. Was mich aber besonders an ihn fesselte, war die grenzenlose Uneigennützigkeit, die aus jedem Satze hervorleuchtete. Jenes wunderliche Wort: „Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wiederliebt!" mit allen den Vordersätze», woraus es ruht, mit allen den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken. Uneigennützig zu sein in Allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung, so daß jenes freche spätere Wort: „Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?" mir recht aus dem Herzen gesprochen ist. Uebrigens möge auch hier nicht verkannt werden, daß eigentlich die innigsten Verbindungen nur aus dem Entgegengesetzten folgen. Die Alles ausgleichende Ruhe Spinozas kontrastierte mit meinem alles aufregenden Streben, seine mathe-

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