Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1887)
- Date
- 1887-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 schlecht würden wir uns achten, wenn wir die wunderbaren Wege Gottes, von denen die jüdische Geschichte auf jedem Blatte zeugt, nicht zu erforschen suchten, wenn wir sie vielmehr einer unverdienten Vergessenheit anheimfallen lassen würden. Im Besitze einer altehrwürdigen, heiligen Religion, einer reichen Litteratur und einer reichen Geschichte traten wir in die blühende deutsche Gemeinschaft ein mit dem Willen, gleiche Pflichten zu übernehmen, aber auch gleiche Rechte zu beanspruchen. Wir brachten Vieles mit, wir nahmen aber auch viel, sehr viel von unseren Mitbürgern. Wir anerkennen dies dankbar, und was in unserer Macht steht müssen und wollen wir thun, um voll und ganz Deutsche zu sein und uns des uns zu Teil gewordenen Glückes würdig zu zeigen. Wir, die wir Anhänger Moses Mendelssohns sind, sind von diesem Streben erfüllt. Wir sind nicht so blind, um zu verkennen, daß, wie jeder Stamm neben seinen guten Eigenschaften auch seine Schwächen besitzt, auch der jüdische Stamm Fehler hat, die, wenn sie auch in der Geschichte ihre Begründung haben, darum nicht weniger Fehler sind. Diese ein nationales Verschmelzen sehr erschwerenden Schwächen müssen wir bestrebt sein abzulegen. Von unseren Mitbürgern aber, die von den jüdischeil Tugenden Nutzen ziehen, verlangen wir, daß sie mit Rücksicht hierauf, mit Rücksicht auf ihr Menschentum und die vieltausendjührigen Leiden der Juden, die ihre Vorfahren zum großen Teil mit verschuldet haben, unser Streben ehren und Nachsicht da üben, wo Nachsicht, vom Standpunkte der Vernunft und des Gewissens geboten erscheint. Wenn diesem, nnserm gerechten Verlangen Folge gegeben wird, dann wird gar bald die Zeit herangekommen sein, wo es keine deutschen Juden, sondern nur noch jüdische Deutsche geben wird. Ein frisches Reis hat der ehrwürdige jüdische Stamm getrieben. Moses Mendelssohn hat das junge Reis als treuer Gärtner wohl gepflegt und der kernigen deutschen Eiche aufgepropft. Nun wird es trotz Wind und Wetter groß und stark. Wir freuen uns seiner Entwickelung und arbeiten begeistert an seiner Weiterentfaltung fort. Wir hoffen fröhlich, daß ans dem jungen Reis ein mächtiger Zweig werden wird, dessen herrlichste Frucht wird sein: Die Einigung Aller in dem Glauben an den Einen Ewigen auf der Höhe wahren und reinen Menschentums. Hölhe und Spinoza. In dem „Cvnteinporauy" veröffentlicht Herr Professor Caird eine Abhandlung über „Göthe und Philosophie", in welcher auch das Verhältnis, in dem Göthe speziell zu der Philosophie Spinozas stand, näher behandelt wird. Der im göttlichen Sinne wirkende Dichter nnd der Philosoph sind durch ihr beiderseitiges Strebeir nach Wahrheit mit einander verbunden. Philosoph und Dichter arbeiten auf verschiedenem Wege an demselben Problem, der Philosoph, indem er in seinem innigen Streben nach dem Wirklichen alle äußere Umhüllung verwirft und geradezu auf das Innere der Dinge dringt, der Poet, indem er, wenn er das Herz der Menschheit gewinnen will, trotz seines Idealismus den schön gesponnenen Schleier phantastischer Form um irgend eine große Wahrheit spinnen muß, für die er die edleren Instinkte seiner Mitwelt erwecken will. Dichter dieser Gattung sind vorwiegend Philosophen, und es ist lohnend, die Färbung, welche die Philosophie bei diesen mächtigsten und wirkungvollsten Lehrern der Menschheit gewinnt, zu betrachten.