Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1887)
- Date
- 1887-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 1 wo „mein Haus ein Bethaus genannt werden wird für alle Völker" (Jesaias Cap. 56, v. 7). Unabhängig von den Religionsgrundsätzen ist der Kultus. Durch ihn gelangen die Verehrung unseres Gottes, die tiefsten Regungen unserer Seele zu erhabenem Ausdruck. Auf den Flügeln des Gebetes schwingen sich unsere Seelen zu ihrem Schöpfer empor, um geläutert wieder zu uns zurückzukehren. Der Kultus ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Von dem Geist und Geschmack des Wählenden hängt es ab, welches Mittel er ergreift. Da nun aber Geist und Geschmack zu verschiedenen Zeiten verschieden sind, so wählt die eine Zeit dieses, die andere jenes Mittel, hie und da aber wird ein und dasselbe Resultat erreicht. Wenn unsere Zeit also den Kultus in einer unserem Geschmack und unserer Zeitrichtung entsprechenden Weise gestaltet, so übt sie nicht nur ein Recht aus, sondern erfüllt sogar eine Pflicht eine heilige Pflicht. Ein Heiligtum ist unsere Religion, ein Heiligtum aber auch unsere Wissenschaft und unsere Geschichte! Eng verknüpft mit der jüdischen Religion, weil auf ihrem Boden gewachsen, ist die jüdische Wissenschaft, das Resultat einer sich durch Jahrtausende hinziehenden, von hingebungsvollstem Eifer und wahrster Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne zeugenden Arbeit der erleuchtetesten Geister Judas. Wenn die jüdische Litteratur an sich nur von geringem Werte wäre, wenn sie nur das zu Stande gebracht hätte, was sie zu Stande gebracht, nämlich ein in allen Weltteilen zerstreutes Volk, welches zudem eines gemeinsamen, staatlichen oder religiösen Mittelpunkts entbehrte, in seiner stammlichen Angelegenheit und Verbundenheit zu erhalten, so wäre sie um dieses Verdienstes allein willen wert, mit liebevollem Eifer und inniger Hingabe gepflegt und erhalten zu werden. In der That aber ist die jüdische Litteratur ganz abgesehen einmal von ihrem kolossalen Umfang von enormem wissenschaftlichen, poetischen und kulturhistorischen Wert; ihre Größen gehören zu den bedeutendsten Dichtern oder zu den bedeutendsten Denkern aller Zeiten. Wie hätte es da — so solle man meinen — jemals anders sein dürfen, als daß mit aller Kraft, deren Liebe, Begeisterung und Dankbarkeit .fähig sind, daran gearbeitet werde, diesen Schatz zu hüten und zu wahren und ihn womöglich zum Gemeingut aller zu machen. In der That war es bis vor nicht allzulanger Zeit ganz anders. Uneingedenk des Verdienstes der jüdischen Wissenschaft für die Erhaltung des jüdischen Stammes hatte man gerade in neuerer Zeit die Pflege derselben in unerhörtester Weise vernachlässigt. Erst in neuester Zeit zeigt sich wieder das Bestreben, für die jüdische Wissenschaft in Wort und Schrift einzutreten und sie nach Kräften zu fördern, zu erweitern und zu vertiefen. Diesen Bestrebungen nun bringt der Mendelssohnverein die wärmste Teilnahme entgegen. Wir blicken mit Stolz auf unsere reiche Litteratur und sind bemüht, dieses Kleinod kennen zu lernen und es vor allen Dingen für das gesammte Deutschland, überhaupt für die ganze Menschheit nutzbar zu machen. Jede Bestrebung, welche darauf hinausgeht, ungekannte Schätze jüdischer Litteratur zu heben oder die bereits bekannten zll erforschen und sie vor die Augen aller Welt zu bringen, sind wir freudig bereit, nach Kräften zu unterstützen. Wir lassen der Forschung die größtmöglichste Freiheit uud anerkennen deren Resultate, wie wir überhaupt der Wahrheit ruhig ins Auge schauen. Und was von der jüdischen Litteratur gesagt ist, gilt auch für die jüdische Geschichte. Selbstachtung ist eine Tugend, die ihrerseits eine Voraussetzung bildet für die persönliche Ehre, und