Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1887)
- Date
- 1887-03-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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55 H sich auch die Idee des nationalen Judentums, die, infolge des durch das gemeinsame Elend der Juden bedingten festesten Zusammenhangs derselben künstlich erhalten, in der täglichen, ja stündlichen Bitte um Wiederzurückführung nach Palästina und Wiederaufrichtung eines weltlichen Reiches Israel ihren Ausdruck gefunden hatte. Weiter arbeitete man an der Umgestaltung des Kultus. Die beleidigende Unordnung, das andachtsraubende Stimmengewirr, das den jüdischen Gottesdienst zum Spott und die Synagoge zum Hohn aller Nichtjuden gemacht hatte, hörte ans; die uralten, tiefergreifenden Synagogenlieder wurden von dem widrigen Singsang befreit; überall wurde dem geläuterten modernen Geschmack Rechnung getragen, kurz man reinigte das Heiligtum von dem Schmutz, der ihm Jahrhunderte hindurch angehaftet hatte. Bei der Hebung der litterarischen Schätze jüdischer Religionswissenschaft griff schließlich immer mehr und mehr die modern wissenschaftliche Methode Platz. Da erst wurden die religionsphilosophischen Schriften eines Ben-Maimon, Jehuda Halevi, Bechai in ihrer vollen Bedeutung erkannt, und es enstand eine Reihe religionsphilosophischer und historischer Arbeiten, deren Inbegriff die deutsche Glanzperiode jüdischen Schrifttums bedeutet, die sich ihrerseits würdig an die früheren Blütheepochen anreiht. Doch auf eine solche die Geister und Gemüter in Aufruhr bringende Bewegung folgt naturgemäß entweder ein Rückschlag oder ein Ueberfluthen oder aber Beides zugleich. Letzterer Zustand trat leider im Judentum ein. Die Einen hatte die Emancipation der Geister von dem Joch mißbräuchlicher, aber beschränkten Gemütern besonders zusagender Formen, sowie die Thatsache der Näherung der Juden an Andersgläubige anstatt der früheren schroffen, durch die Verhältnisse aufgedrungenen, mit der Zeit aber als erwünscht empfundenen Trennung mißtrauisch gemacht und sie als eine Gefahr für die Erhaltung des Judentums befürchten lassen; diese gingen in das Lager des Altrabbinismus wieder zurück und verstärkten diese Richtung, welche seit Moses Mendelssohn, gegen dessen deutsche Bibelübersetzung sie in der richtigen Vorahnung, welch' ein gewaltiger Feind ihr mit derselben erstanden sei, den Bannstrahl geschleudert hatte, zu einem kleinen Häuflein zusammengeschmolzen war. Die Anderen hatten, berauscht von dem auf sie ungehindert einströmenden, vorzüglich philosophischen Wissen und von dem bis dahin ungewohnten Verkehr mit Andersgläubigen, sodann auch in den ihnen eröffneten Carrieren, welches alles ein religionsgesetzliches Leben nicht gerade erleichtert, schließlich auch infolge Nichtkennens oder Vergessens des jüdischen Gesetzes jeden Positivismus über Bord geworfen und, wenn auch nur zu geringen Bruchteilen, in der Taufe ihr Heil gesucht. Zwischen diesen beiden Strömungen standen und stehen, — denn wir sind mit der Schilderung der Entwickelung des Judentums bis auf unsere Zeit gelangt — die goldene Mittelstraße einhaltend, die Anhänger Moses Mendelssohns, deren Grundsatz war und ist: Vereinigung des jüdischen Stammes mit den deutschen Stämmen zu einer deutschen Nation zu beiderseitigem geistigen und sittlichen Vorteil unter Wahrung der Heilswahrheiten der jüdischen Religion und der jüdischen Wissenschaft, und deren messiauisches Endziel war und ist: Einigung Aller im Glauben an den Einigen Ewigen auf der Höhe wahren und reinen Menschentums. Das m. v. Z., ist mendelssohuischer Geist, das ist das Vermächtnis unseres dritten großen Lehrers Moses, das zu erwirken ist die Aufgabe des Vereins, der die Ehre hat, den Namen „Mendelssohnverein" zu führen.