Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1887)
- Date
- 1887-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Wissen gerichtet und diese dadurch den Deutschen, denen sie bis dahin durchaus fremd gegenüber gestanden hatten, durch das Streben nach deutscher Bildung näher gebracht. Nicht sollten aber die Juden allein — so war Moses Mendelssohn's Absicht — den weiten Weg geistiger und deumächstiger nationaler Assimilation mit den Deutschen ohne Annährung dieser zurücklegen; auch die Deutschen sollten den Juden entgegenkommen. Und dieses hat unser großer Moses vorzüglich durch sein philosophisches, auf jüdischem Boden erwachsenes Schaffen unter wirksamer Unterstützung seitens seines treuen Freundes Lessing, jenes Gerechten, dessen Andenken zum Segen bkeibt, erfolgreich zu Stande gebracht. Assimilation der Juden und Deutschen zu beiderseitigem, geistigen und sittlichen Vorteil — das war Mendelssohn's Streben, und sollte ich mich der mir gestellten Aufgabe mit einigen Worten entledigen, dann würde ich auf die Frage: „Was will und soll der Mendelssohnverein" einfach antworten: „im Geiste des großen Unsterblichen wirken." Gestatten Sie mir indessen, m. v. Z., auf die Ziele des Mendelssohnvereins etwas näher einzugehen. Bevor ich jedoch hiermit beginne, ist es notwendig, die Entwicklung, die Juden und Judentum seit Moses Mendelssohn bis auf unsere Zeit genommen haben, in kurzen Zügen, zu schildern. Mendelssohn's Saat begann zu keimen. Seine Schüler und Freunde, Männer wie David Friedländer, Aron Wolfssohn, Isaak Euchel, Joel Brill arbeiteten im Geiste ihrers Lehrers unentwegt fort. Schnell entstand eine große Anzahl Lehranstalten, an denen Mendelssohnianer, mit einem bedeutenden allgemeinen Wissen ausgestattete Männer, als Lehrer wirkten und die Juden mit deutscher Bildung und Gesittung vertraut machten. Allenthalben sah man die deutschen Juden aus der tiefen, ihnen auf- und in sie dann eingedrungencn Indifferenz den geistigen Bestrebungen der Deutschen gegenüber erwachen und sich an denselben beteiligen, wobei ihnen das aus ihrer eigenen Litteratur geschöpfte Wissen herrlich zu Statten kam. Was man vor Mendelssohn nie geahnt hätte, war eingetroffen: Deutsche Juden und deutsche Christen arbeiteten gemeinsam an der Erweiterung und Vertiefung der deutschen Nationallitteratur und waren so unter Ueberspringung der Glaubensschranken einander näher gekommen. Da brach die französische Revolution aus; sie brachte in ihrem Gefolge mit die Anerkennung der Menschenrechte, in jedem Individuum ohne Unterschied der Race, ohne Unterschied des Glaubens, und Schritt für Schritt bahnte sich auch die nationale Einigung der deutschen Juden und Christen an, bis sie endlich im Gesetze ihre Anerkennung fand. Natürlich war diese politische, soziale und geistige Bewegung nicht ohne Einfluß geblieben auf die Ausbildung der jüdischeil Religion, insonderheit ihres Kultus und ihrer Wissenschaft. Ein frischer Stroin ergoß sich in den Sumpf alter, durch die Gewohnheit und das Elend geheiligter Mißbräuche. Wenn Mendelssohn den Altrabbinismus mit seinen widersinnigen Gesetzesauslegungen und willkürlichen Hinzufügungen zwar erkannt, aber sich aus einem nicht unrichtigen Gedanken heraus nur selten und dann sehr schonend über denselben ausgesprochen hatte, waren seine Schüler bestrebt, ihn gänzlich von sich abzuschütteln und die jüdische Religion auf ihre biblische Grundlage zurückzuführen. Indem mit dieser Umgestaltung das religiöse Band wieder unmittelbar an das prophetische Judentum angeknüpft wurde, verlor