Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1887)
- Date
- 1887-03-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969740-2969744--1897-2972059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
51 an die erste Rettung des aus seinem Stammlande vertriebenen Israel eingesetzt sind und die an alle die zahllosen Gnadenthaten uns erinnern, die der Ewige uns im Laufe von Jahrtausenden fast in allen Ländern der Erde hat erwiesen, haben aber nicht blos Bedeutung gehabt für die Geschlechter der Vergangenheit, die da, von Elend und Verfolgung umgeben, sich erhoben und ermutigt haben an der Betrachtung jenes unvergeßlichen Ereignisses, dessen Kunde uns die Väter überliefert haben, sie sind voll auch des belehrenden Inhalts für unsere Gegenwart, ja für alle Zukunft, für jedes jüdische Haus, für Israel iu allen Ländern, auch für das Israel, das da lebt in großen und volkreichen Städten, das da lebt in der großen Welt und in Sicherheit weilt unter dem Schutze der allgemein herrschenden Gesittung und Gerechtigkeit. Eine große geschichtliche Erfahrung hat für alle Zeiten ihren Wert. Die Purimtage haben uns auch neben ihrem Aufruf zur Freude und Fröhlichkeit manch' ernstes Wort an's Herz zu legen, manch' edle That zur Ausführung zu übergeben; sie wollen nicht nur gefeiert, sondern auch durchdacht und bewährt sein. Schon aus der Art der gottesdienstlichen Feier, die vom Beginne seiner Einsetzung für das Purimfest vorgeschrieben ist, läßt es sich erkennen, daß es ganz besonders dazu ausersehen ist, uns über folgenreiche Ereignisse in der Geschichte unserer Vergangenhett zu belehren, uns mit alten Erfahrungen Israels, in denen ein reicher Schatz seines Bewußtseins und seiner Lebensweisheit niedergelegt ist, bekannt zu machen und so Betrachtungen in uns zu erwecken, welche zu festem Anschlüsse an seine geistige Gemeinschaft uns anleiten, zu inniger Teilnahme an der Förderung seiner Wohlfahrt uns auffordern sollen. Es ist gar nicht ein Fest wie die andern Feste, die eine höhere Seelenweihe um sich verbreiten, unseren Sinn und unsere Thätigkeit von dem gewöhnlichen Alltagsleben ablenken und zu Werken der Andacht und des Dankes vor Gott uns auffordern. Kein volltönender Lobgesang rauscht an seinem Morgen durch die Räume unserer Gotteshäuser, keine besondere Fest-Tefilla giebt es uns zu verstehen, daß es ein Tag sei, ausgezeichnet vor allen Tagen des Jahres; nichts als die Verlesung jenes Buches, in welchem die denkwürdigen Vorgänge, an welche es uns erinnert, erzählt werden, bildet den Inhalt seiner Feier in gottesdienstlicher Versammlung. Aber das Lesen der Megilla, die Betrachtung des so kunstvoll abgerundeten geschichtlichen Gemäldes, das in dem Buche Esther vor uns entrollt wird, das wird wiederum so nachdrücklich uns vorgeschrieben, als ob dies in der Lehre Mosis wäre als ein Gesetz für alle Zeiten gegeben und festgestellt worden. Alle, lehrt die Mischna, sind verpflichtet, an den Purimtagen das Esther-Buch zu lesen. Jeder unterbreche da seine Arbeit. Der Priester soll seinen heiligen Dienst einstellen, der Levite soll seinen Stand im Heiligtume verlassen, der Jsraelite, der mit einem Werke beschäftigt ist, sich davon zurückziehen, wenn die Zeit gekommen ist, da in feierlicher Versammlung die Denkschrift vorgetragen wird, in der uns erzählt wird von dem, was in den Tagen Mordechai's und Esther's sich zugetragen. Da soll Israel sich sammeln, da soll Israel sich einen, da soll jeder Einzelne es erkennen, daß er dem großen Ganzen angehöre, der Gemeinde Juda's, die obwohl zerstreut, doch nicht gespalten, nicht aufgelöst ist, sondern vielmehr untrennbar, geeint durch den einen Geist, der die Zerstreuten beseelt, durch den einen erhabenen Gedanken, der sie alle verbrüdert, durch die gleichen großen Erinnerungen, durch die gleichen lichtvollen Hoffnungen, durch die eine Lehre, aus der sie ihre höhere Gesinnung und ihr edleres Bewußtsein schöpft, 5*