Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1887)
- Date
- 1887-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Natur-Kraft existiert in der That nicht außerhalb der Natur, nicht außerhalb des Gegenstandes, an den sie gebunden ist; die Elektrizität ist nur indem elektrischen Gegenstände, so die magnetische, die Leucht- und Wärmkraft nur in dem Gegenstände, der magnetisch anzieht, leuchtet und wärmt. Aber jede Kraft wirkt vereinzelt für sich, und doch wirken auch alle Kräfte mit und für einander im Zusammenhang und nach Gesetz und Ordnung. Dafür mußte es also eine oberste Naturkraft geben, die aber wiederum nicht anders als an einen Gegenstand der Natur gebunden sein kann, und da dieser Gegenstand nicht existiert, kann auch die bezügliche Naturkraft nicht vorhanden sein. Es muß also eine höchste, oberste Kraft außerhalb der Natur und Welt vorhanden, sein; Gott, diese oberste Kraft, muß extramundan, supernatural sein, muß außerweltlich sein, außerhalb der Natur stehen. Dieser Gott ist nach Auffassung des Judentums nicht bloß ein gedachtes, fingirtes Wesen,, sondern kiindigt sich als einen wirklich vorhandenen, persönlichen Gott an. Im Dekalog heißt es 1) „Ich, der Ewige, bin dein Gott" oder Ich bin der Ewige, dein Gott; 2) Kein anderes Wesen außer mir ist Gott; 3) den Namen „Ewiger" sollst du keinem falschen Gotte beilegen. Aehnlich heißt es im jüdischen Bekenntnisgebet (Schma): „Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig." „Ewigkeit" ist also die Kennzeichnung Gottes; er ist ein Gott, der „war, ist und sein wird." Alle Kräfte und Stoffe der Natur, alles Geschaffene, das in der Zeit geworden ist und vergeht, alles außer diesem Einen und Ewigen, seien es Wesen (Geschöpfe) des Himmels (Sterne), seien es Wesen (Geschöpfe) der Erde (Pflanzen, Tiere, Menschen), können nicht „Gott" genannt werden, sind keine, sind falsche Götter; sie sind weder „ewig" noch „einzig". Wer von sich sagt: „Ich bin," der existiert wirklich, ist sich seiner bewußt, unterscheidet sich von der Außenwelt, ist persönlich, getrennt von den anderen Dingen, eine wirkliche Existenz, eine vorhandene, wirkliche Persönlichkeit. Der Philosoph Cartesius sagt: „Ich denke, also bin ich" d. h. ich denke, bin mir meiner bewußt, also habe ich den Beweis von meinem Dasein, von meiner wirklichen Existenz und gesonderten Persönlichkeit. Der Gott des Judentums ist also ein persönlicher Gott, er ist ewig, also immer vorhanden, er ist einzig, also von keinem andern abhängig, nicht von Raum und Zeit beschränkt, frei in seinem Handeln, allmächtig und fähig zu helfen, und liebevoll, also auch willig zu helfen: — ein solcher Gott befriedigt den Geist des denkenden und das Gemüt des betenden Menschen. Jndeß hüte man sich, den persönlichen Gott als eine körperlich begrenzte und eine sinnlich vorstellbare Person zn denken. Wir wissen, daß Gott ist, aber nicht wie er ist; Gott ist unkörperlich, nicht sinnlich vorstellbar. Darum ist im Dekalog verboten, Gott sich in irgend welchem Bilde und in irgend welcher Gestalt vor- und darzustellen und ein solches Bild, oder eine solche Gestalt wie einen Gott anzurufen und zu verehren, weder im Bilde der Sterne des Himmels (Zabäismus), noch in der Gestalt von Tieren und Menschen auf Erden (Fetischismus). Nach der Lehre des Juden- und Urchristentums ist Gott nur im Geiste anzurufen und zu verehren. In unseren Synagogen findet sich kein sinnlich wahrnehmbares Heiligtum, kein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand der Verehrung, als die Thora, das geschriebene Wort Gottes, und nicht einmal deren Buchstaben und Pergament gelten als heilig, sondern nur deren Inhalt. Dies ist der jüdische und auch der ursprüngliche christliche Gottesbegriff. Wenn das spätere Christentum sich zur Gottheit Jesu bekannte, so war dies eine Konzession den Heiden zu lieb, um sie für jüdische Gottes- und Morallehre leichter zu gewinnen, da die plastische Darstellung von Göttern und die Vergötterung von Menschen z. B. der römischen Kaiser, ihnen Gewohnheit und Bedürfnis war.