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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-01-01 · Heft 1 (1.1.1887) · p. Seite 15

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 1 (1.1.1887)
Date
1887-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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bei Hof Unheil anrichten oder erfahren; doch bei einem Trinkgelage ließ sich der Gatte zu einem Worte hinreißen, seine Gattin übertreffe alle Damen des Hofes an Schönheit und Anmut. Der König war Schiedsrichter in dieser Wette und damit war auch das Geschick der schönen Danie mit der hohen schlanken Gestalt, und den wunderbar glänzenden schwarzen Augen entschieden. Von ihrem Gatten getrennt wurde sie die Gunstdame des Königs und bald allmächtig bei Hofe, sie setzte Minister ab und ein, bis sie selbst dem Hasse der Staatslenker und den wandelbaren Neigungen des Königs zum Opfer fiel, der an der Gräfin Dönhoff bereits eine reizvolle Nachfolgerin an ihrer Stelle erkoren hatte. Lange weilte die Cosel in Pillnitz; sie weigerte sich Briefe und Docomente herauszugeben. Sie floh von Pillnitz nach Berlin, dann nach Halle, wo sie 1716 verhaftet und auf die Festung Stolpen gebracht wurde. Wir wollen hier nicht die romanhaften Abenteuer schildern, welche der langen Haft vorausgingen, nicht diese selbst, welche schon wegen ihrer fünfzigjährigen Dauer merkwürdig ist — wenige der historisch beglaubigten Gefangenschaften haben ein halbes Jahrhundert gewährt — wir wollen nur aus Kuriosität die Aufzeichnungen aus den letzten Jahren ihres Lebens erwähnen, denen zufolge die Gräfin eine auffallende Neigung zum Judentume an den Tag gelegt. Die Gräfin Cosel beschäftigte sich in ihrer Einsamkeit fortwährend mit Lectüre. Da studierte sie denn vor allein das alte Testament, sie verkehrte viel mit Jude»; so war das Judentum ihre Passion geworden. Sie forderte unter dem Pseudonym Lobge.sang den Pfarrer Bodenschatz in Bischofswerda auf, hebräische Tractateins Deutsche zu übersetzen, dann wurde dieser zu dem geheimnißvollen Briefsteller selbst berufen. Derselbe enthüllte sich ihm als die Gräfin Cosel, die ihm in dem Anzuge eines jüdischen Hohenpriesters entgegentrat. Sie verlangte von ihm Aufschlüsse über Talmudstellen, über jüdische Gebetbücher und andere rabbinische Dinge, brachte aber dabei allerlei auf's Tapet, was gegen die Lehre Christi und seine heilige Person gerichtet war. Der officielle Bericht des Amtmanns Gülden über den Glauben der Gräfin Cosel lautet: „Der Glaube, auf welchen die Gräfin verstorben, ist schwer zu determinieren; es ist wahr, vor dem letzten Kriege hat die Verstorbene mit verschiedenen Juden, die aus Böhmen und anderen Gegenden zu ihr gekommen, stärkere Connexion als seit der Krieg geendet nnd Friede wurde, gehabt; dann und wann sind wohl auch zeither Juden zu ihr gekommen, jedoch nicht in so großer Menge wie sonst. Sie hat bei ihren Lebzeiten sehr fleißig in der Bibel gelesen und sich das Jüdisch-deutsch, vielleicht mit Vorsatz, angewöhnt; es ist ferner wahr, daß sie den Sonnabend jeder Woche als Sabbath gefeiert und den Christen, wenn sich diese dazu gebrauchen ließen, am Sonntage gern etwas zu schaffen gemacht; auch ist wahr, daß sie keineSchweinefleisch, keinen an Blut erstickten Vogel oder ander dergleichen Federvih, noch einen Fisch ohne Schuppen gegessen, es besteht ferner in Wahrheit, daß sie hier anfänglich, da sie als Arrestantin nach Stolpen gebracht worden, den hiesigen Gottesdienst besuchte, seit vielen Jahren aber nicht mehr in unsere Kirche gekommen." So ist diese in ihrer Jugend wegen ihres Geistes gefeierte Dame, welche alle Schriften der französischen Freidenker, eines Voltaire und Rousseau, mit Eifer durchgelesen hatte, am Ende ihres Lebens auf die sonderbare Idee gekomnien, den Talmud zu studieren, sich in ein hohepriesterliches Gewand zu werfen, die jüdischen Ritualgesetze zu beobachten, kurz, wenn auch nicht in aller Form zum Judentume überzugehen, doch in wesentlichen Hauptpunkten als fromme, glaubenstreue Jüdin zu leben.

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