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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1887-01-01 · Heft 1 (1.1.1887) · p. Seite 9

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
7 (1887)
Issue
Heft 1 (1.1.1887)
Date
1887-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Das sind aber nur Spuren, die die primitive Kirche zurückließ. Wir treten in das Mittelalter, die Barbaren erscheinen und mit ihnen die Undankbarkeit der christlich gewordenen Welt gegen das Judentum. So geschieht es jedesmal, wenn jemand für die Humanität wirkt; er kann sicher sein, zuerst beraubt und dann obendrein geschlagen zu werden. Die Welt entlehnte die religiöse Wahrheit dem Judentume und behandelte es dann auf die grausamste Weise. In der ersten Hälfte des Mittelalters war aber zwar böser Wille vohanden aber keine, oder nur wenige, organisierte Verfolgungen. Erst die Kreuzzüge gaben das Signal zur Niedermetzelung der Juden; die Scholastik trug dazu bei, die Dinge schlimmer zu machen. Die christliche Theorie hatte sich in ein Wissenschaftssystein verrannt, in welchem die Offenbarung gleichsam in den Syllogismus aristotelischer Dialektik geworfen ward. Ueberall wurden von der Scholastik Jrrtümer gefunden. Lange Verzeichnisse solcher Jrrtümer, worunter manches Gute, si»d vorhanden. In dieser theologischen Verdammungswut glaubte man, daß der Talmud die schwärzesten Jrrtümer besitze. Im Bunde mit Renegaten ward 1244 deni Talmud der Prozeß gemacht. Man verbrannte ihn und oft die Juden mit ihm. Unter Philipp dem Schönen, am Ende des XIII. Jahrhunderts, als Geld am Hofe nötig war, fing man an, die Juden zu zwingen, ein von andern Bürgern verschiedenes Leben zu führen. Jede andere Profession, als diejenige, sich zu bereichern, war ihnen verboten. Während die herrschende Doktrin der Casuisten über Zins und Wucher den Christen fast jedes Geschäft unmöglich machte, mußten sich die Juden jeder Geldoperation unterziehen. Das Mittelalter ist daher allein schuld an dem, was man später dem Juden vorwarf. Gehen wir zu angenehmeren Zeiten über. Das XVII. Jahrhundert proklamierte wenigstens die Menschenrechte, den Staat ohne offizielles Dogma, den neutralen Staat inmitten metaphysischer und theologischer Ansichten. Die Revolution proklamierte dann Gleichheit zwischen den Juden und anderen Bürgern; im Gefühle absoluten Rechtes fand sie die Lösung, die alle Welt acceptieren wird, gewiß aber das jüdische Volk, welches zuerst die zukünftige Einheit des menschlichen Geschlechts in Glauben und Gesetz erklärt hat. Und nun laßt mich sagen: das Judentum, welches so große Dinge gethau hat in der Vergangenheit, wird noch mehr in der Zukunft thun. Es wird die wahre Sache, die Sache der Freiheit, der modernen Geister befördern. Jeder Jude ist ein Freund des modernen Geistes. Seine Feinde — betrachtet sie genauer — sie sind im Allgemeinen Feinde desselben. Indem der Jude dem niodernen Geiste hilft, hilft er in Wirklichkeit nur dem Werke, zu welchem er mehr als irgend einer in der Vergangenheit beigetragen hat und für welches er so tief gelitten hat. Die reine Religion, welche die ganze Menschheit verbinden wird, wird die Religion Jesaiah's' sein, die ideale, jüdische Religion, frei von der-Schlacke, die ihr beigemischt ward! ' Wir schließen den uns zngegangenen interessanten Bericht über den Vortrag eines Franzosen mit den Worten seines Landsmannes Victor Hugo über den Propheten Jesaias: „Jesaias", sagt er, „erscheint über der Menschheit wie das Grollen eines immerwährenden Donners-er tritt Körper an Körper dem Bösen entgegen, das in der Civilisation den: Guten den Rang streitig machtdas Gewoge seiner Prophetie ergießt sich über die ganze Natur."

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