Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 7 (1887)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 zwei Seelen hat," „schwankend zwischen zwei Gesinnungen." In den Synoptikern finden wir einige ungerechte Worte gegen die Pharisäer. Aber, was beweist, daß noch kein Schisma stattgefunden hat, ist, daß Lukas, der letzte Synoptiker, von Jesus berichtet, daß er alle Zeremonieen hielt, speziell, daß er circumicsiert war. Und in den Jahren 70, 80 und in den folgenden Jahren wurden Bücher voll jüdischem Patriotismus geschrieben, wie das Buch Judith, die Offenbarung Esdras, die Offenbarung Baruchs, und selbst das Buch Tobia, welches erst in einer späteren Periode erschien. Und diese Bücher sind nicht von Juden, sondern von Christen bewahrt worden! In der merkwürdigen Epistel von Clemens Romanus, wo Judith zuerst als Heldin erwähnt wird, finden wir den Beweis, daß um das Jayr 100 das Schisma noch nicht vollführt war. Um das 125 n. Chr. erschienen die judenfeindlichen Episteln und Evangelien. Das System des Gnostizismus erhebt sich, welches, den jüdischen Ursprung verleugnend, ein aus freiem Antriebe entstandenes Christentum dem Judentume entgegensetzt. Das Christentum soll ohne Vorläufer, nur als Reaktion gegen das Gesetz entstanden sein. Marcion erklärte einfach das Judentum für eine schlechte Religion; Jesus sei gekommen, es abzuschaffen. Aber die Gnostiker waren nur ein Nebenzweig der Kirche. Noch im 2. Jahrhundert ist die orthodoxe christliche Kirche eng mit der Synagoge verbunden. Papias ist jüdischer Christ; das Testament der 12 Patriarchen, welches um diese Zeit erscheint, ist ein jüdisches Werk, ebenso wie das des Pastors von Hermas eine wahre Agada ist. Der Bischof von Sardes, Meliton, verbrachte noch sein Leben mit Suchen nach jüdischen Quellen und ging nach Syrien, wo er den genauen Kanon der Juden kennen lernte. Um die Zeit des Marcus Aurelius sind Polykarp und die Apologisten Feinde der Juden. Die Epistel des Diognetes ist besonders in dieser Hinsicht ausgezeichnet. Der Autor behandelt die jüdischen Gebräuche als Aberglauben. Um 170 erscheint der Montanismus, dessen fixe Idee ist, daß Jerusalem wiederkommen werde. Mit zum Himmel gerichteten Augen erwarteten die Anhänger dieser Sekte, daß das neue Jerusalem aus den Wolken hervorbreche und sich in den Gegenden des katacaumeuischen Phrygiens niederlasse. Der merkmürdige Roman „Recognitus", dessen Held Clemens Romanus ist, schildert Paulus wie er zu Tripoli an der Küste Syriens eine Rede hält, eine Art Versöhnungssystem von Judentum und Christentum. Christentum und Judentum unterscheiden sich hier nicht von einander. Moses ist Jesus und Jesus ist Moses. Nur ein Prophet, der fortwährend neu geboren wird, existiert. Judentum genügt dem, der das Christentum nicht kennt, und umgekehrt, das Christentum dem, der das Judentum n'cht ken.lt. Durch beide Religionen kann man das Heil ergangen. Die Familie Clemens Romanus, tugendsame Heiden, werden in dem Romane zur Belohnung ihrer Tugend zu der wahren Religion geführt. Sie werden Juden. Für oen Autor giebt es nur eine Offenbarung, von der Judentum und Christentum äquivalente parallele Formen sind. So unter Marcus Aurelius. Im 3. Jahrhundert wird unter dein Einfluß der alexaudrinischen Schule die Trennung deutlicher. Vollständig wird sie erst, als unter Konstantin das Christentum Staatsreligion wird. Das Christentum ward offiziell, während das Judentum seinen freien Charakter bewahrte. Aber noch fragte Johann Chrysostomus seine Zuhörer in der Predigt: „Was macht ihr in der Synagoge? Ihr wünscht das Passah zu feiern? Wohl auch wir feiern das Passah! Kommt zu uns!" Und er fährt fort: „Ich weiß, was ihr mir antworten werdet! Daß bei den Juden das Gesetz und die Propheten gefunden werden!"