Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1885)
- Date
- 1885-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 der Männer, welche die Gotteslehre verkündeten. Wie der Stein in seinen Eigenschaften geprüft wird, wenn ihn das Licht trifft, das er in Strahlen bricht und lenkt, so erprobt sich die Lehre, wenn sie von andern Seiten besehen wird, wenn sie unter andern Verhältnissen auftritt, wenn sie mit andern Bestrebungen zusammenfällt. Das rabbinische Schrifttum bestand in Spanien diese Probe. Eine ganz andere Prüfung wurde es im östlichen Frankreich und Deutschland unterworfen. Die Wissenschaft der Gesetzesdeutung war, ein lebenskräftiger Stamm, neben den segenvollen Pflanzungen der Kenntnis auf dem glücklichen Boden der südlichen Halbinsel gediehen. Wird sie im Norden, einsam und allein emporstrebend, fest wie eine Eiche stehen? Wird sie es, wenn sie Stürme umtoben, wenn sie grause Wetter bedrohen? Schon als Rabenu Gersom gegen das Ende des ersten Jahrtausends in Mainz lehrte, waren die Judenverfolgungen im Zuge. Und sie wiederholten sich nur zu oft im Laufe der folgenden Zeiten. Da offenbarte die Lehre neue Wunderkräfte. In ihrem Schatten suchten die Ermatteten Trost und Zuflucht, ihr Nektartrank labte die Verschmachtenden und stillte den Durst der Lechzenden; das vielbedrohte Israel ward mit dem alten Brote der Weisheit genährt und gekräftigt. Salomo ben Jsac, der große Comentator der Bibel und des Talmuds, schreibt um das Jahr 1097: „Meine Kraft ermattet, der Laut meiner Lippen hat nicht Klang, ich kann das Ungemach und all die Leiden nicht künden und nicht zählen. Sie stürzen wie Wellen daher und folgen rasch aufeinander." Und zum dem Lehrer sprechen die Briefe der Schüler: „Fels und sich're Burg der . Lehre! Unter den Fittigen des Meisters, in dem Schatten des Lehrers der Tora birgt sich die Freudigkeit und die Hoffnung all der Zerstreuten Israels. Der Gipfel der Kenntnis, auf dem du, o Meister, weilest, läßt ihrer angstgepreßten Brust wieder frische, heilsame Berges- und Waldluft zuwehen." *) So bahngestaltend die Erklärungen Salomo ben Jsac's sind, als so maßgebend die Forschungen Jakob Tams und seiner Nachfolger (der Männer der geistreichen Glossen) im zwölften Jahrhundert sich erweisen, so viel Geist und Gewandtheit in ihrer Methode herrscht; an Glanz, an Zahl der Jünger stehen sie, eine Folge ihrer Jahrhunderte, den Schulen in Asien und in Spanien weit nach. Aber eben diese Jahrhunderte und diese Zeiten bilden ein eigentümliches Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern heraus. An Innigkeit und Herzlichkeit, an Treue und Zusammenhalten, an Hingebung der Meister, an Opferfreudigkeit der Jünger leuchtet in diesen Tagen, wenn auch nicht die Glut und der wilde Heroismus der hadrianischen Aera, doch ein mildes Himmelsfeuer der Liebe. Der Scharfsinn des Gedankens vermält sich den zärtlichen Gefühlen des Herzens. Das Haus des Lehrers wird die Stätte des Brudersinnes und der Treue. . Von Salomo ben Jsac in« 11. bis auf Meir aus Rothenburg am Ende des 12. Jahrhunderts herab referieren die Schüler nicht nur die Lehrmeinungen des Meisters. Sie erzählen auch das, was er im geselligen Umgänge sprach, was sie im vertraulichen Verkehre mit ihm erfahren haben, was er bei dieser oder jener Gelegenheit bemerkte. „Mein Lehrer sagte mir" wird zur stehenden Formel.1 2) Nicht selten legt der Lehrer deni talentirten Jünger Fragen zur Entscheidung vor. Wie ein Sohn zu seinem Vater spricht der Schüler vor dem 1) Eesponses des rabins fran$ais ed. Müller No. 15. 2) Pardes d. S. b. Js. No. 73. 179 u. a. a. 0.; Hajaschar d. Jak. Tam Nr. 161. 196 u. a. a. O.: R. G. A. des Ch. Or Sarua Nr. 1. 4 u. a. a. O.; R. G. A. d. Meir a. Rothenburg ed. Prag Nr. 155. 177. 193. 206 u. a. a. O. Eesponses des rabb. f. Nr. 6. 7. 8. 73—80.