Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1885)
- Date
- 1885-12-01
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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267 Anfangs mag ja Antiochus den guten Willen gehabt haben, das jüdische Volk zu hellenisiren, es durch Einführung griechischer Sitten und Gebräuche, durch Errichtung von Gymnasien zur Uebung im Wettkampf und in olympischen Spielen auf eine vermeintlich höhere Stufe der Gesittung zu stellen. Dieses Anschmiegen an griechische Sitten galt seit den Tagen des milden Eroberes Alexanders als etwas harmloses, ja wünschenswertes und behagte den Griechenfreunden unter den Juden selbst — bis zum Uebermaß. In der ersten Zeit ist auch der Wunsch mancher Juden nicht unberechtigt gewesen, von einem Volke zu lernen, das, so hachbegabt in vielen Zweigen der Kunst und Wissenschaft, in der edlen Bildhauerkunst, in formvollendeter Sprache und Dichtkunst, in Weltweisheit, Gesetzgebung und Staatskunst, in Schiffahrt, Baukunst, wie in Wettkampf, Spiel und Rhetorik hervorragte und das daher so schöne Musterbilder, so bedeutende Denker und Dichter, Künstler, Staatsmänner, Redner und Feldherren, erzeugte. Antiochus fand äußerst günstigen Boden für seine Reformpläne vor. Es gab damals gottvergessene Angeber und Störenfriede unter den Juden selbst — wie es leider solche zu allen Zeiten gab und noch heute unter den Abtrünnigen giebt, gewissenlose Schmeichler, welche ihren Herren bereitwillig die wunden Seiten ihres Volkes zeigten. Ein solcher, Namens Simon, hat früher schon die Augen der Machthaber auf die Schwächen der Judäer gelenkt und nun begehrte Jason, der auf Seiten der Hellenistenpartei stehende Hohepriester, bei seinen Gräcisirungsplünen direkt die Hilfe und Einmischung des Antiochus sogar in die innersten Angelegenheiten des jüdischen Volks. Dazu kam noch die Zwietracht, welche die allzueifrigen Hellenisten, die dem jüdischen Wesen mehr und mehr abhold wurden, in Judäa angefacht; alles dies gab dem „wahnwitzigen", listigen Antiochus, der seine Regierung mit Thronraub begann und mit Tempelraub beendete, der keine Scheu, weder vor seinen Göttern, noch vor dem Gotte Israels hatte, den Mut ein, immer übermütiger und willkürlicher in die heiligsten Interessen der Juden einzugreifen. Um Geld verkauft er das Hohepriesteramt an Unwürdige, und es versteht sich, daß die Kreaturen ihr heiliges Amt nicht würdig führten. Der Plan, das Volk zu bilden, zu gräcisiren, führte sie und mit ihnen die durch Spiele, Wettkämpfe und eitle Weltlust bethörte Jugend immer weiter von den alten Traditionen und ehrwürdigen Sitten der Väter ab, die Begeisterung für das Fremde, Erborgte und künstlich Erlernte übertönte allmählig die Begeisterung für die eigenen Bolksinteressen und führte schließlich zum Abfall und zur Verleugnung der uralten Gebote und Sitten Israels. — So viel Schatten nun auch auf das Leben des Antiochus fällt, wir sehen, die gleichgültigen, abtrünnigen, eigennützigen und verblendeten Tonangeber: Simon, Jason, Menelaus und ihr antijüdischer Anhang unter den indifferenten Juden selbst haben dem Syrer nicht wenig in die Hände gearbeitet und viel dazu beigetragen, die Achtung vor dem jüdischen Stamme im Könige zu ersticken, so daß er gegen sie inimer grausamer und willkürlicher verfuhr. Ist diese historische Thatsache nicht ein Spiegel für manche unserer Glaubensgenossen, in den sie nicht oft genug blicken können? Es ist ein bedenkliches Zeichen der Zeit, wenn die Tempel und ihre Heiligtümer keine fromme Scheu mehr den Menschen einflößen. Dann ist die Zeit der allgemeinen Verwirrung und Zerrüttung nicht mehr fern. Tempelraub war unter den Seleuciden keine seltene Erscheinung. Die abtrünnigen Griechenfreunde kamen auch schließlich — wenn auch leider sehr spät — zur Erkenntnis, daß es nichts nützt, sich übermäßig zu schmiegen und mit Verzicht auf alles Eigene, Traditionelle sich an die herrschende Macht anzuschließen, die Zuchtruthe zu küssen, die drohend geschwungen wird. 24*