Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1885)
- Date
- 1885-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969726-2969739--1512-2971975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
266 das eine Volk auf Kosten des andern seine Einrichtungen, Gesetze, seine religiösen und sittlichen Anschauungen zu den allein herrschenden machen wollte. Nirgends hat aber ein Kampf zweier Knlturmächte zu so entschiedener und vollständiger gegenseitiger Abstoßung und Negierung geführt wie der zwischen Orieutalismus und Hellenismus im Seleueidenreiche, weil es nirgends mit gleicher Grausamkeit und Gewaltthätigkeit versucht ward, nicht nur das Übergewicht über das beherrschte Volk zu erlangen, sondern auch das geistige und moralische Erlöschen, die radikale Abtötung des Geistes desselben zu bewirken. Der Plan des Antiochus Epiphanes war abscheulich, teuflisch, deshalb verursachte er auf semitischer Seite eine Reaktion, wie sie nicht strahlender, anziehender, energischer in der Geschichte anzutreffen ist. Hätte er wie Alexander eine Verschmelzung oder Annäherung des jüdischen und griechischen Geistes auf mildere Grundlage, unter Schonung der Religion, der Heiligtümer und Gebräuche der Juden erstrebt, so hätten gewiß diese selbst ihm die Hand dazu geboten. Sie waren daran gewöhnt, von den Weltmächten, die sie bis dahin unterjocht hatten, mit einer gewissen Milde und Nachsicht behandelt zu werden; die Achämenideu in Persien brachten ihrem Kultus sogar Sympathie entgegen. Was Wunder, wenn die beispiellose Schroffheit des Antiochus einen beispiellosen Widerstand erzeugte, ein nochmaliges Aufflackern des Volksgeistes, so machtvoll und wirksam, daß von hier an eine, neue Epoche in der jüdischen Geschichte beginnt? Mit Staunen und Bewunderung erfüllen uns die unverwüstlichen Bauten und Denkmäler der Egypter und Babylonier, mit Begeisterung lesen wir von den Heldenthaten Roms, einer Weltmacht, unter deren Tritte die Erde erzitterte, mit Andacht stehen wir vor den edlen Kunstgebilden der Anmut, Hoheit und Holdseligkeit des weisen nnd sinnigen Griechenvolkes! die überwältigenden Denkmäler der Juden aber sind nicht von Erz und Stein, ihre Waffen nicht Panzer, Schild und Schwert; das intensive Gottesbewußtsein, die unerschütterliche Religiosität, der Glaube und das Vertrauen auf den Einzigen im Himmel, das sind ihre siegreichen Waffen gewesen, die Denkmäler, welche bis auf den heutigen Tag ihren Ruhm und ihre Thatkraft bekunden. Zum ersten Male konnten die Völker zur Zeit des Antiochus die Größe anstaunen, welche die Religion verleiht, die Glorie des Glaubensmartyriums schauen, denn er war der erste, der mit der Unterthänigkeit der Juden nicht zufrieden, auch ihre Religion ausrotten, statt der Anbetung des Einzigen die Verehrung des olympischen Zeus einführen, nicht blos sie äußerlich gräzisireu, sondern bis in das innerste Mark ihres Volks- und Religionslebens sie aufsäugen wollte. Dieser verunglückte Versuch des Antiochus Epiphanes verdient daher in mancherlei Hinsicht unsere Beachtung, es ist mehr als ein anziehendes Faktum, es ist auch von völkerpsychologischem Gesichtspunkt ans interessant und — lehrreich für unsere Gegenwart- In unseren Tagen, in einer Zeit der Raeeukämpfe, des Anstürmens gegen das Semitentum ist das Schauspiel einer früheren Zeit, in welcher semitisches und indogermanisches Wesen anfangs in einer friedlichen Wechselbeziehung zu einander standen, um dann durch das täppische Dazwischentreten eines Gewaltmenschen und seiner blinden Helfershelfer sich desto energischer und schroffer abzustoßen, sowohl für unsere Gegner als auch für viele Uebereifrige in unserem eigenen Lager, die das Heer unserer Feinde und falschen Freunde vermehren, im höchsten Grade beherzigenswert. Es ist eine Lehre für die Vorkämpfer im Racenkampfe der Gegenwart, wie für die Schwankenden in unserer eigenen Mittte, daß es nicht immer die schwächere Raee ist, welche von der mächtigeren besiegt wird, und daß die Religion als eine Macht sich erwies, als eine siegreiche Waffe der geringen Makkabäerschaar gegen das mächtige Heer der Syrer.