Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1885)
- Date
- 1885-11-01
- Page
- Seite 257 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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257 Gefolge, wie man es in Wittenburg noch nie gesehen hat. — Am 23. August zwischen 12 und 1 Uhr Mittags ist in das Fenster eines im zweiten Stocke .gelegenen Klassenzimmers der jüdischen Knabenschule zu Berlin während des Unterrichtes geschossen worden. Glücklicherweise kam man mit dem bloßen Schrecken davon. — In Rastenburg tagte die fünfte ordentliche Generalversammlung des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens. — Wie man uns berichtet, wurde in Irankfurt a. M. eine „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" ins Leben gerufen, die sich neben Stiftung und Unterstützung jüdisch-orthodoxer Lehranstalten, orthodoxer Pensionen und Waisenhäuser unter Anderem auch die Errichtung und Unterhaltung guter orthodoxer Hotels und Speisewirtschaften in Bädern, Kurorten und sonstigen Orten großer jüdischer Frequenz zur Aufgabe macht. Durch eine solche Vereinigung, meint unser Berichterstatter, würde das fortschrittliche Judentum in Deutschland nur gewinnen, da die Orthodoxie durch Klarlegung ihrer Prinzipien nur von neuem darthun wird, daß sie auf die Führerschaft im Judentume nach innen und außen verzichten muß, und weil durch eine auf diese Weise herbeigeführte Klärung vielleicht die Ueberläufer beider Richtungen, die gegenwärtig am meisten Verwirrung und Unheil in die Gemeinden tragen, den Boden unter den Füßen verlieren würden bei dem Rufe „Gehörst du zu uns oder unseren Gegnern?" Wir hoffen, daß der stabile Fanatismus in Zukunft nicht mehr wie bisher im Bunde mit dem frivolen Jndifferentismus alle besseren edleren Bestrebungen innerhalb des Judentums wird lahmlegen können. — Auf Antrag des Herrn Kleist-Rehow hat die in Berlin versammelt gewesene evangelisch-lutherische Conferenz beschlossen, Herrn Hofprediger Ätöcker ein Schreiben zugehen zu lassen, in welchem es als eine Pflicht der Dankbarkeit bezeichnet wird, für seine Lauterkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber den „mückenseihenden und Kameele verschluckenden" Gegnern, in Treue einzutreten. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung hat sich in jüngster Zeit einige Male gegen den Antisemitismus ausgesprochen. Gelegenheit dazu gab eine Beurteilung der Gruppe „Christlich-Sozialen" unter den Konservativen, deren Aufgaben mehr auf dem Gebiete der innern Mission lägen als in dem Bereiche der politischen Arena. Eine solche Stimme in der Norddeutschen Allg. Ztg. hat auch kurz vor den Wahlen ihre Bedeutung, zumal wenn man bedenkt, daß Herr Hofprediger Stöcker erst vor kurzem in der Schloßkirche zu Cottbus von den 500,000 Juden in Deutschland als von Fremdlingen mit fremder Nationalität, fremder Religion, fremder Sitte und Sprache gesprochen hat. — Ae Grau stiller, der Redakteur der „Wahrheit", schreibt in Briefen, die besonders auf dem Lande verbreitet werden, daß er gezwungen sein würde, sein fruchtloses Ringen gegen Israel aufzugeben, wenn ihm nicht materielle Unterstützungen zu Teil würden. Dagegen sollen in Leipzig einige Antisemiten beschlossen haben, ein Blatt unter dem Titel „Antisemitische Korrespondenz" herauszugeben und viel zu verbreiten. — Die Ausweisungen von russischen Juden aus preuhen haben über viele Familien großes Elend gebracht und werden besonders die Gemeinden Königsberg, Pose«. Danzig davon hart betroffen. Die eingeleiteten Sammlungen zu Gunsten der Unglücklichen können wenigstens über die erste Not weghelfen. — Am 28. September tagte in Frankfurt a. M. die sechste ordentliche Generalversammlung der Achawa. — Ueber die Verwaltung der Fonds für unbemittelte israelitische Zöblinge an der Lehrerbildungsunstalt zu Kaiserslautern ist der vierte Jahresbericht ausgegeben worden. Mögen durch das Beispiel der Gemeinde Kaiserslautern sämtliche jüdischen Gemeinden der Pfalz und deren reiche Männer sich 23