Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-11-01 · Heft 11 (1.11.1885) · p. Seite 255

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 11 (1.11.1885)
Date
1885-11-01
Page
Seite 255 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2969669-2969726-2969738--1500-2971962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

255 Zeit und sowohl die hervorragendsten Rabbinen als die angesehendsten und bedeutendsten Gemeinden appelierten an ihn in den wichtigsten religiösen Angelegenheiten. Von seinen vier und fünfzig höchst gediegenen und gehaltvollen Schrifteil hatte er aus großer a» Selbstverleugnung grenzende Bescheidenheit bei seinem Leben keine einzige veröffentlichen lassen. Trotz seiner rigorosen Frömmigkeit befaßte sich Elia in seinen Mußestunden auch mit profanen Wissenschaften und schrieb sogar ein Buch über Raumlehre, Algebra und mathematische Astronomie. Er nahm keinen Anstand es offen auszusprechen, daß die Kenntnis der Profanwissenschaften zum besseren Verständnis der religiösen Wissenschaften wesentlich beiträgt. Wie Landau lvar auch er ein entschiedener Gegner der Chassidäer und legte auf Piutim und kabbalistische Formeln kein besonderes Gewicht. Bei ihm begann der tägliche Morgengottesdienst erst mit „Baruch Scheomar". Das „Schomer Jisrael" ließ er nur an Fasttagen rezitieren; mit Alenu und einem Kadisch für Leidtragende schloß der Gottesdienst ein für allemal; Liutirn und Selichot ließ er dem Gebete nicht einschalten. Bloß an den vier Sabbaten im Monate Adar und an den drei Festen „Scholosch regalim" ließ er Piutim sagen, jedoch durften sie erst nach Beendigung des Lobaobarit-Gebetes rezitiert werden. Die am Neujahrsfeste vor, während und nach dem Schofarblasen üblichen „Jehi razon" hatte er abrogiert. Von dem sogenannten „Taschlich" wollte er nichts wissen. Die 13 Midot beim Ausheben der Thora ließ er nie rezitieren. Das Sündenbekenntnis an den Selichottagen durfte bloß einmal gesagt werden. In unserer kulturfreundlichen fortgeschrittenen Zeit würde selbst ein Elia Wilna Gefahr laufen, ob derartiger Reformen von der starren Orthodoxie verketzert zu werden. In der Blüthezeit der hier erwähnten talmudischen Autoritäten, Landau und E. Wilna, nahm in Polen der Chassidismus, der eine gewisse Verwandtschaft mit dem Sabbathianismus hat, größere Dimensionen an. Der Stifter dieser Sekte, die heute noch trotz des fortschreitenden Zeitgeistes sowohl in Polen als in Oberungarn zur Schmach des Judentums ihr Dasein fristet, war R. Israel Baalschem aus Miedziborz, auch „Besicht" genannt, der 1760 gestorben ist. Die Kabbala ist dieser Sekte maßgebender als der Talniud. Der Sohar ist ihr eine heilige Bibel, obgleich die Chassidäer in demselben kaum zu lesen verstehen. Durch den Genuß geistiger Getränke wie durch die höchst eigentümlichen Gestikulationen beim Gebete werden die Chassidäer in eine Art Verzückung versetzt, die an Tollheit grenzt. Das Oberhaupt der Chassidäer (Zaddik auch „Rebben" genannt) wird von ihnen abgöttisch verehrt. Sie schreiben ihm eine höhere überirdische Kraft zu und appelieren daher auch in allen Verhältnissen ihres Lebens an ihn als den Stellvertreter Gottes auf Erden. Durch die Spenden, mit welchen der „Rebben" von seinen Anhängern und Verehrern geradezu überhäuft wird, wird er in die erfreuliche Situation versetzt, auf großem Fuße zu leben und einen Hofstaat zu führen, während wahrhaft fromme und ezkenntnisreiche, die kabbalistische Schwärmereien perhorrescierende Rabbiner mit drückenden Nahrungssorgen zu kämpfen und zu ringen haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.