Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1885)
- Date
- 1885-11-01
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 folgte so rasch als möglich. Er ließ alle seine Habseligkeiten dort zurück, die aber bei der Occupation der bömischen Hauptstadt die Beute der Feinde geworden sind. Sonderbar erscheint es jedenfalls, daß ihm von der kaiserlichen Regierung die Rückkehr nach den österreichischen Erbländern für immer strengstens untersagt wurde. Zweifelsohne wurde er von den Feinden denuncirt, was in jenen kritisch aufgeregten Zeiten häufig zu geschehen pflegte. In Metz entfaltete Jonathan eine überaus segensreiche Thätigkeit. Durchdrungen von der hohen und schönen Aufgabe, seine Glaubensgenossen zu belehren, zu ermahnen, zu trösten und zu beruhigen, rief er einmal begeistert aus: Keine Stunde meines irdischen ganzen Lebenswandels ist mir so lieb und so angenehm, als die, in welcher ich an heiliger Stätte die Kinder meines Volkes zurechtweise, gegen die Sündhaftigkeit vermahne und verwarne (Joar. I) I. p. 71). Sohwol seine scharfsinnigen talmudischen Vorträge in der von ihm gegründeten und von sehr wißbegierigen Jüngern, die sowohl aus Polen als aus Deutschland herbeiströmten, stark frequentirten Hochschule, als seine geistreichen, zündend, erhebend und belebend, erbauend und erquickend wirkenden Predigten erfreuten sich eines ungewöhnlichen Beifalls und gewannen ihm die Herzen Aller, die ihn hörten. In seiner väterlichen Fürsorge für das geistige Wohl seiner Gemeindemitglieder ging er so weit, daß er, der weltberühmte Pilpulist, es nicht verschmähte, einen Auszug aus dem „Orach Chajim“ in deutscher, selbst dem nicht talmudisch gebildeten Publikum verständlichen Sprache, zu verfassen und denselben in seinem ganzen Rabbinatssprengel verbreiten zu lassen. <Äne solche echt priesterliche Thätigkeit mußte Anerkennung finden und Jonathan genoß daher in Metz nicht blos die allgemeine Hochachtung und Verehrung, die damals jedem gelehrten Rabbi gezollt wurde, sondern auch die wahre Liebe und das Vertrauen aller seiner Gemeindemitglieder. Als im Jahre 1746 die große und angesehene Gemeinde zu Fürth das daselbst durch den Tod des Rabbiners Baruch Kohn vakant gewordene Oberrabbinat Jonathan übertragen hatte, sah sich dieser genötigt diesen ehrenvollen Ruf, so gern er ihm sonst Folge geleistet haben würde, dankend abzulehnen, weil die Metzer Gemeinde, die sich gelegentlich seiner Aufnahme ausdrücklich bedungen hatte, daß er einen Zeitraum von so und so viel Jahren bei ihr verbleiben müsse, durchaus nicht geneigt war ihm das Wort zu erlassen und ihn von der mit ihm bedungenen Frist, die damals noch nicht verstrichen war, von seinem Amte zu entheben. Jedenfalls erhellt-aus diesem Umstande zur Genüge, daß Jonathan sich in Metz einer ungewöhnlichen Popularität zu erfreuen hatte. Im Jahre 1750 wurde Jonathan von den drei vereinigten Gemeinden Altona, Hamburg und Wandsbeck zum Oberrabbiner ernannt. Jonathan war ob der ihm gewordenen ehrenvollen Vokation hocherfreut und glaubte der angenehmen Erwartung Raum geben zu dürfen, daß es ihm jetzt um so mehr gegönnt sein werde ein ruhiges, friedliches, kummer- und sorgenloses Leben führen zu können, als er einen einerseits materiell glänzenden Posten errungen und anderseits in Hamburg viele Verwandte und zahlreiche Freunde und Verehrer aus früheren Zeiten hatte. Mit großem Jubel und ungewöhnlichem Enthusiasmus wurde Jonathan bei seinem Einzuge — Anfangs Tischri 1750 — in A. H. W. empfangen. Als er die Schwelle seiner in Altona prachtvoll geschmückten und reich ausgestatteten Wohnung zum ersten Male betrat, rief er in Gegenwart der Gemeinderepräsentanz und vieler anderer Honoratioren aus: „Dieses sei mein Wohnsitz für immer, hier will ich verbleiben, da ich mich nach dieser Stätte ge-