Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1885)
- Date
- 1885-11-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 jetzigen russischen Gouvernement Radom, geboren wurde. Väterlicherseits war er ein Urenkel des berühinten Kabbalisten Nathan Spira, Verfassers des bekannten Werkes „Megulleh Amnkoth“, und mütterlicherseits ein Enkel des als talmudische Capacität berühmten R. Löw Znnz, Oberrabbiners zu Pinczow. Sein Vater Nathan, ebenfalls eine talmudische Autorität, wurde von der Gemeinde zu Eibenschitz in Mähren zu ihrem Rabbiner ernannt. Hier weihte Nathan den größten Teil seiner Zeit und Kraft der Erziehung und Heranbildung seines mit ungewöhnlichem Scharfsinn und seltenen Fähigkeiten reichbegabten Sohnes Jonathan, der diesem Orte auch feinen Familiennamen „Eibenschitz" zu verdanken hatte. Jonathan hatte jedoch das Unglück, daß sein Vater Nathan ihm frühzeitig durch den Tod entrissen wurde. Ein Wiener reicher Jude, Namens Samson, nahm sich in hochherziger Weise des früh verwaisten talentvollen Jonathan Eibenschitz an, sorgte für seine weitere Ausbildung und ließ ihm in seinem Hause wie seinem eigenen Kinde die sorgfältigste Erziehung und nötigste Pflege angedeihen. Allein die treuherzige Mutter Jonathans, die fromme Rabbinerin Schendel, glaubte der Befürchtung Raum geben zu müssen, daß ihr talentvoller Sohn durch das sorgenlose und freudenvolle Leben im Hause des reichen Wieners von den ernsten Studien des Talmud abgelenkt werden könnte, daher sie sich veranlaßt sah, ihren Jonathan bald aus der Residenzstadt wegzunehmen und ihn nach Proßnitz, wo damals R. Meir Eisenstadt, „Meharam Aach“ genannt, einer talmudischen Hochschule als Rektor Vorstand, zu schicken. Unter Leitung R. Meir's machte der junge Eibenschitz solch riesige Fortschritte auf dem Gebiete der talmudischen Studien, daß er sich bald den Ruf eines tüchtigen Talmudisten erworben hatte. Um jene Zeit starb auch seine gute fromme Mutter, deren ganzes Streben dahin gerichtet war, ihren hochbegabten Sohn zu einem großen Gelehrten heranzubilden. Der reiche und sehr gelehrte Wiener Oberrabbiner Wertheimer, der Jonathans Fähigkeiten zu würdigen gewußt, beabsichtigte ihn in's Haus zu nehmen und als Gemahl für seine Tochter zu bestimmen, allein Berusch Eskeles, Sohn des damaligen Landesrabbiners Gabriel Eskeles aus Krakau, der ebenfalls um die Hand der Tochter des Wiener Oberrabbiners geworben, wurde von derselben seiner körperlichen Schönheit halber bevorzugt. Jonathan hatte aber trotz des Korbes, den er von Wertheimers Tochter erhalten, keine Ursache sich hierüber zu grämen, da seine Kenntnisse und Fähigkeiten bald anderweitige Anerkennung gefunden haben. Der damalige böhmische Landesrabbiner Jsak Spira, Enkel des 1680 verstorbenen Prager Oberrabbiners Simon Spira, hatte keinen Sohn, sondern blos eine einzige mit den schönsten weiblichen Tugenden geschmückte zur Jungfrau herangereifte Tochter, Namens Elkele, die er mit einem kenntnisreichen Talmudisten zu' verehelichen wünschte. Als nun R. Jsak Spira erfuhr, daß Wertheimers Tochter den Plan ihres Vaters vereitelte, schrieb er sofort an Jonathan, daß er ihm seine einzige Tochter zur Frau geben wolle. Er sendet ihm gleichzeitig eine nicht unbedeutende Summe Geldes, damit er sich anständige Kleider anschaffen und ein schönes Brautgeschenk mitbringen könne. Jonathan folgte bereitwilligst dem Rufe, der an ihn ergangen, und wurde der Schwiegersohn des hochgeachteten Oberrabbiners Spira, unter dessen Leitung er seine Studien mit seltenem ausdauerndem Fleiße fortsetzte und es in kurzer Zeit so weit brachte, daß er im Alter von achtzehn Jahren, 1708, von der Jungbunzlauer Gemeinde zu ihrem Rabbiner ernannt wurde. Hier jedoch mochte es ihm wohl nicht sehr behagt haben, denn schon im Jahre 1711 übersiedelte er nach Prag,