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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-11-01 · Heft 11 (1.11.1885) · p. Seite 247

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 11 (1.11.1885)
Date
1885-11-01
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 Gin Märchen von Galulle Mendes. Hu den Schriftstellern, welche augenblicklich am meisten im Schwange in Paris sind, gehört Cattulle Mendes, dessen Erzählungeü in Gil Blas, Figaro u. s. w. immer Aufsehen erregen. Da man stets nach Gründen sucht, um das plötzliche Auftauchen einer großen litterarischen Erscheinung zu erklären, so hat man den Grund des so schnellen Berühmtwerdens Mendes in seiner jüdischen Abstammung zu finden geglaubt. „Bes juifs se poussent“. „Die Juden fördern sich gegenseitig," sagt man drüben so gut wie hier, ohne zu erwägen, daß das wahre Genie nie durch materielle Hilfe und Protektion sich bildet und Weg bahnt, daß es vielmehr trotz oder grade eben wegen aller Hindernisse seinen Weg findet. Aber ob nicht im geistigen Inhalte, in dem mächtigen, geistigem Gebäude dessen, was wir Judentum nennen, der Grund und der Boden zu finden ist, auf welchem so manche Berühmtheit entstanden und glänzenden Beifall in der Welt gefunden, um dann, wie Weltgebrauch, die Wurzel seiner Größe, das bescheidene Judentum, zu verleugnen, oder zu vergessen? Ein tief empfundenes Märchen, das ich kürzlich von Catulle Mendes in Oil Blas las, scheint mir den Beweis zu sichern, wie das Judentum selbst unwissentlich inspirirt und anregt. Eine talmudische Lehre behauptet, daß die Seele des Menschen täglich beim Einschlafen desselben sich zu Gott erhebt, um Rechenschaft von ihrem Wirken abzulegen. Sollte es unwissentlich sein, daß Catulle Mendes ein schönes Märchen auf diese Talmudlehre aufbaut? Sollte es ihm nicht bei dem Niederschreiben desselben in den Sinn gekommen sein, daß selbst die gedrückteste, gequälteste jüdische Seele jeden Abend sich zum Herrn erhebt, um dort Trost und Kraft für die zahlreichen Erdenleiden zu finden, innere Erhebung, um allen Erdenreizen, Drohungen und Verlockungen zu widerstehen, und ihrer angestammten Religion getreu zu bleiben? Oft liegt in einem Märchen der tiefste Sinn, die erhebendste Wahrheit verborgen. Wir wollen daher dieses Märchen Mendes „Der Gaxten der jungen Seele" näher betrachten. Jede Nacht entweicht die Seele der jungen Mädchen aus dem betäubten Körper und wandert nach einem himmlischen Garten zur rechten Seite des Paradieses. Dort sieht jede junge Seele das, was ihr, nach den verschiedenen Wünschen, am schönsten dünkt. Die eine wandert auf Smaragdbeeten, die andere pflückt von Rosenstöcken die prächtigsten Gewänder. Die andere wieder ergötzt sich am Liede der Nachtigall, wie sie Romanzen klagt. Wohlschmeckende Hyazinthen, Tulpen voll Backwerk blühen hier. Jeder Wunsch findet entzückende Verwirklichung. Nicht ohne Kummer treten daher die Seelen wieder mit der Morgenröte in die entschlafenen Körper, während die Sterne, die ihrer Bahn leuchteten, erlöschen. Aus ihreil Thränen besteht der Morgenthau. Nun war einmal ein unglücklicher Prinz, der einzige Sohn eines mächtigen und reichen Königs. Aber nichts konnte ihn seiner Trauer entreißen, nicht das Lächeln der Hofdamen, nicht die Vergnügungen der Jagd, noch der Ruhm des Krieges. Als er eines Tages in einer Lichtung des Waldes weinend auf einem Baumstamme saß, ward er von einer alten, aber gutmütigen Holzhauerfrau angeredet und nach seinem Leiden gefragt. Auf wiederholtes Zureden der guten

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