Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1885)
- Date
- 1885-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 in Babylons Ebenen die Schranken der Sitte fest und sicher. Auch seine Vorträge haben nicht die strenge Form der aneinandergereihten Gesetze, sie lehnen sich vielmehr an das Wort der Bibel, welches dem Volke bekannt und geläufig ist.') Sein Lehrhaus selbst in Sura ist außerhalb der Stadt gelegen, es wird von einem Garten umschlossen, in welchem Anlagen und Beete kunstvoll und zierlich geordnet sindl 2) und den auch Zeichnungen von Tiergestalten verherrlichen.3) Wer hören will und lernen, der ist Rab's Genosse. „Das kleine Heiligtum", „die Zuflucht Aller" nennen die Schüler seinen Lehrsaal.4) Am Tage, da sie von ihm Abschied nehmen, speisen am Tische des Meisters 1000 und 200 Jünger.5 *) Als der Lehrer starb, ergriff das Volk Schmerz und tiefes Leid. Den Hügel seines Grabes hielt es für geheiligt und schrieb ihm Wunderkräfte zu?) Im Geiste Rab's walteten seine Jünger. Das Lehrhaus blieb die Bildungsstätte des Volkes. Allgemein ward Kenntnis und Geistesübung. So ist denn dieser babylonische Talmud nicht das Produkt der Schulen allein. Unter dem Auge der Besten aus dem Volke ist er erwachsen. Von dem Beifalle aller Kreise in Israel waren sie begleitet, diese Verhandlungen, diese Reden, diese Einwürfe, diese Lösungen und diese Festsetzungen. So vermögen wir diese 1000 im Talmud auseinandergehenden Meinungen, oft verschieden und vielgestaltig wie die wechselnde Meinung des Volkes, zu verstehen. Ernste Satzungen und poetische Erzählungen, höchste sittliche Wahrheiten und märchenhafte Berichte sind oft aneinandergereiht, wie sie eben der Tag und die Schulunterhaltungen brachten und vorführten. Doch wechselvoll wie die Meinungen im Lehrhause ist nicht nur die Geschichte des jüdischen Volkes, auch die Einrichtungen, welche sich in seinen Kreisen, in seinem religiösen Leben bilden, sind vielverschieden und von mannigfacher Gestaltung. Zeugnis geben die goldstrotzende Synagoge Alexandriens, die auf Bedingung geweihten Bethäuser in Babylon, in welchem nicht selten fromme Reisende Herberge fanden, die abseits gebauten, tiefgele^enen Synagogen des Mittelalters und die Prachtbauten unserer Zeit, in welchen die Kunst durch Gottesverherrlichung die höchste Weihe erhielt. So änderten sich auch die Lehrhäuser in Israel nicht nur an Gestalt und Form, auch an innerer Bedeutung. Die Beteiligung des Volkes an den Schulen und an der Wissenschaft hörte unter dem Drange schwerer Zeiten auf. Verfolgungssüchtige Neuperser rissen Lehrer und Jünger gewaltsam von den Säulen des Schulhauses, die sie umklammert hielten; das Wort der Belehrung verstummte. Als nach langer Zeit abermals Lehrer erschienen, fanden sie andere Bedürfnisse vor, war die Aufgabe der hohen Schule eine durchweg veränderte geworden. Vergessen waren die gesetzlichen Entscheidungen und Hebungen, der lebendige Geist der Forschungen und Erörterungen war erstorben. Die talmudischen Bücher waren vereinzelte vergilbte Blätter.7) Zudem waren die Juden in weite ferne Gegenden gewandert und als nun am Euphrat auf den Trümmern der alten Lehrhäuser die Schulen der Geonen erstanden, waren die jüdischen Bewohner Babylons und die weit in alle Weltteile Zerstreuten gliicklich, in diesen Schulen l) Berachot 18 b. 3) Kidduschin 39 a. 3) Baba Baba 54 a. 4) Megilla 21» a. 5) Ketubot 106 a. ®) Synhedrin 47 b. Gutachten Scheriras in Jnchasin cd. Krak. S. 117.