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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-11-01 · Heft 11 (1.11.1885) · p. Seite 244

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 11 (1.11.1885)
Date
1885-11-01
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 Wenn das Geistesleben eines politisch geeinten Volkes in seinem staatlichen Streben und Walten, in seinem flutenden Bürgertume, in seinen Parteien, in seinen Beziehungen zu den Nachbarvölkern sich darstellt und offenbart, so wurde hier dem irren Israel ein neues Feld für Geistesthaten bestellt. Das ganze Spiel der Gedankenwelt, die Feinheit der Betrachtung, der Scharfsinn in dem Ergründen, der kühne Schluß der Voraussicht wendeten sich der geliebten Lehre zu. Fragt man nach dem Grunde der wunderbaren Erscheinung, daß dieser unterjochte, zerstreute Stamm, von seinem Palästina losgerissen. Völker überdauern konnte, welche mit dem Klange ihrer siegenden Waffen und mit dem gestaltenden Worte ihres Gesetzes die Welt beherrschten, so wird ° man folgende Antwort geben müssen. Einmal ist der Glaube, welcher im Gemüte wurzelt, eine der himmlischen Gewalten, welche die Mächte der Erde nicht zu beugen und zu brechen vermögen, anderseits war von dem Augenblicke an, in dem rein geistiges Streben, die Uebung des forschenden Gedankens und der Tiefblick der sinnenden Betrachtung, das Band wurde, welches das Volk umschloß und einte, der Stamm vor dem Untergange gewahrt und gerettet. Denn selbst der Not und dem Jammer gegenüber behauptet sich die Geistesfrische und weiß durch den milden Hauch der Gedankenblüten den rauhen Windeszug des Unglücks zu mildern. Mit dem unglücklichen Wanderer zog auf allen ihren Irrfahrten, wie der nie versagende Brunnen in der Miriamsage, der Born des Heiles: Wissenschaft und Kenntnis. Zu solchem Quell der Labung für das ganze Volk wurde die hohe Schule in Babylon. Das auszeichnende Gepräge dieser Schule ist eben die allgemeine, nicht auf gewisse Kreise, auch nicht auf das Stammland beschränkte Teilnahnie des Volkes. Unter dem Drucke der späteren Cäsaren büßte das Schulleben im alten Lande der Hebräer seine Frische ein, aber die ausgewanderten Jünger legten am Euphrat neue Pflanzstätten des Geistes an. Es wurden Schulhäuser gegründet, deren Pforten sich weit und frei allen Männern Israels öffneten. Die Lehre ward Gemeingut aller. In den ersten vier Monaten eines jeden Halbjahres forschten die Lehrer und die ständigen Jünger, aber in dem Monate, welcher dem Herbstfeste und in dem, der dem Passa vorangeht, in den Wochen, da die Feldarbeit ruhte, da kamen alle Männer und Jünglinge, *) die den Geist kräftigen wollten; das Lehrhaus erweiterte sich zur Volksversammlung, die Errungenschaften des Gedankens kamen in Umlauf, die Gesetze der Schule wurden Eigentum der Familien und Gemeinden. Der erste große Lehrer Babylons (Aba Areka), den seine Zeit „den Lehrer" „Rab" nannte, giebt Zeugnis für diesen Gedanken der Allgemeinheit, welcher in der babylonischen Schule waltete. Von Nehardea zog Rab und kam nach Sura^). Die Israeliten dieser Stadt waren zahlreich, kannten aber kaum die einfachsten religiösen Pflichten. Da sprach der Lehrer: „Hier will ich weilen, ich errichte hier ein Lehrhaus, damit die Kenntnis auch an diesem Orte keime und gedeihe." Wir begegnen diesem Lehrer oft, wie er entfernte Gegenden besucht und überall, wo er einen Mangel an Kenntnis gewahrt, da giebt er Belehrung, da schafft er neue Einrichtungen, da gewinnt er folgsame Hörer und Freunde. Wie einst Abraham umherzog und seine Altäre errichtete und die Menschen erweckte, so ist Rab in jedem offenen Thale der ordnende Meister/) so setzt er ') Chullin 49 a u. a. a. O. 2) Gittin 5a; Synhedrin 5a; Baba Kamina 80a; Chullin 110. 3) Erubin 6a; 100b u. a. a. O.

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