Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1885)
- Date
- 1885-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Warum, fragen unsere Weisen, eröffnet Kohelet seine Betrachtungen über diesen Lehrspruch mit dem Ausrufe: Es ist eine Zeit da, in der Mensch in's Leben tritt und es ist auch eine Zeit da, in der er mit Tode abgeht? Wie? braucht das erst gesagt zu werden? Muß man, um das zu wissen, erst Salomo's Weisheit hören? Das ist doch selbstverständlich! Einmal kommt man in die Welt, einmal geht man aus der Welt. Doch, bemerken sie hierauf, es liegt ein tiefer Sinn in diesem Worte. Es wissen wohl alle, daß sie leben, und wissen auch, daß sie sterben werden, aber es ist die Frage, ob sie auch daran denken, ob sie die Bedeutung des Lebens erfassen uad den unausbleiblichen Tod stets vor Augen haben. Denken sollst du daran, daß du ein sterblicher Mensch bist, aber auch erkennen, daß dennoch ein unsterblicher Geist in dir lebt. Da mußt du nicht von wandelbarem Belieben dich leiten, von augenblicklicher Erregung der Gefühle dich übermannen und Hinreißen lassen, in deinen jungen Jahren sollst du besonnen sein wie der Greis, der die Erfahrung des Lebens in sich ausgenommen hat und in deinem späten Alter noch die kindliche Einfalt und Freudigkeit des Herzens dir wahren. Heil dir, wenn du einst scheidest, du bist ein Mensch geblieben! Segensreich waren die Thaten deines Lebens und gesegnet bleibt dein Andenken auch nach dem Tode. „Alles.zu seiner Zeit" daran denke und danach lebe! Richte dein Thun nach diesem Grundsätze ein! Es besteht eigentlich die ganze Klugheit des Menschen darin, daß er für seine Absichten' und Bestrebungen den rechten Zeitpunkt zu treffen weiß, in welchem sie am ehesten zur Ausführung und Verwirklichung gelangen können, daß er, in welcher Lage er sich auch immer befindet, den Augenblick nicht verstreichen läßt, in welchen! ein richtiger entschiedener Entschluß ihm zur Erreichung seiner Ziele verhilft. Zwei Kaufleute, Vater und Sohn, erzählt uns der Midrasch, mußten einst eine weite Geschäftsreise unternehmen und um ihr Unternehmen zur Ausführung zu bringen, über das weite Meer hinausziehen. Sie nahmen reichen Geldvorrat, den sie auf ihrer Reise nicht entbehren konnten, mit sich, begaben sich zu einem Schiffshanptmann, bezahlten ihren Fährlohn und bald befanden sie sich auf offener See. Die Schiffsleute merkten, daß die beiden Männer viel Geld mit sich führten, und verabredeten nun einen Plan, dieselben in die Meeresflut hinabzuwerfen und den herrenlos gewordenen Schatz sich anzueignen. Der Kaufmann und sein Sohn bemerkten aber noch rechtzeitig, was hier gegen sie geplant wurde. Da fingen sie nun zum Scheine mit einander heftig zu streiten an und in der Hitze des Kampfes ergriff der eine die gefüllten Geldbeutel und schleuderte sie in die Tiefe des Meeres hinab. Das Geld war verloren, die Reisenden waren gerettet, denn auf ihr Leben hatten es die räuberischen Schiffsleute nicht abgesehen. Aber auch das Geld war nicht verloren. Denn als die Reisenden wieder in ihrer Heimat angelangt waren, erzählten sie dem Richter den ganzen Hergang der Sache. Die Untersuchung fiel, wie es nicht anders zu erwarten war, für sie günstig aus, und die Schiffsmanschaft mit ihrem Hauptmanne wurden außer der empfindlichen Strafe, die ihnen auferlegt wurde, noch zum vollen Schadenersätze verurteilt. Wie seid ihr auf den glücklichen Einfall gekommen? fragte man die Reisenden und der Vater erwiderte: Ich habe in dem Buche Kohelet gelesen: „Alles hat seine Zeit". Es ist eine Zeit, wo man Gold und Edelsteine wie wertlose Thonscherben wegschleudern muß, und wiederum kommt dann eine Zeit, wo man sie einsammelt und wieder in ihren Besitz gelangt. Danach habe ich mich gerichtet. Es kommt gar viel darauf an, daß wir alles zü seiner Zeit vollführen