Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1885)
- Date
- 1885-10-01
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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226 in dessen Furchen eben der fleißige Landmann seine Saaten legt und sagt uns, jetzt ist die Zeit da, in der der Boden bepflanzt werden muß und es wird eine andere Zeit kommen, in der man diese Anpflanzungen wegschaffen, die Früchte einsammeln und die welken Stengel und Wurzeln aus dem Erdreiche Herausreißen wird. Dort zeigt Kohelet uns die Straße einer Stadt, in der alte und neue Gebäude sich befinden und erklärt uns: Hier siehst du ein Haus, das baufällig und nahe dem Zusammenbruche ist. Das muß, ehe es über den Häuptern seiner Bewohner zusammenstürzt, abgetragen werden; glaube aber nicht, daß dann für immer hier ein leerer Platz übrig bleiben wird. An derselben Stelle, an der man das eine Haus niedergerissen hat, wird bald ein anderer Bau sich erheben und ist man eben damit beschäftigt, altes Gemäuer und Schuttwerk hinwegzuräumen, so wird man bald wieder Steine und Ziegel herzuführen und geschäftige Bauleute werden auf ihren Gerüsten herumsteigen und Mauern und Gebälke Herstellen, die man nach vielen Jahrzehnten wiederum wird wegschaffen müssen. Denn so ist es einmal, Einreißen wie Aufbauen, beides hat seine Zeit, seinen Zweck auf dieser Erde. Kohelet zieht weit aus der Stadt hinaus, zu dem Todenacker führt er seinen Begleiter hin. Zahlreiche Leichensteine blicken über dem Boden hervor. Ein Grab ist geöffnet, ein Sarg wird hinabgesenkt, lautes Schluchzen und Wehklagen wird vernommen, das dumpfe Getöse der brüchigen Erdschollen, die eine um die andere in die finstere Gruft hinabgleiten, wird von den schmerzvollen Jammerrufen der Trauernden übertönt, heiße Thränen rollen zur Erde hernieder. Ein herzerschütternder Anblick, vor dem aller Glanz des Lebens erbleicht! Nach einem kurzen Gebete verlassen die Leidtragenden diese Stätte, die nie den Ruf der Freude vernimmt — auch Kohelet und sein Begleiter ziehen weiter ihres Weges. Es ist Abend geworden, allmälig kommt die Finsternis herangezogen. In den Straßen wird es dunkel und die Wandernden kehren wieder in die Stadt ein- Da strahlt von der Ferne Heller Lichterglanz ihnen entgegen; sie treten näher und stehen bald vor einem Hause, das in allen seinen Räumen prächtig erleuchtet ist. Welch' ein fröhliches Gewühl in diesen weit geöffneten Sälen, welcher Glanz, der sich da entfaltet, welcher Jubel, der da herausdringt! Das sind wohl lauter glückliche Menschen, die da zusammenfitzen? Wie die so reichlich tafeln, so lustig singen, mit gefüllten Bechern und klirrenden Gläsern einander zujubeln! Wie ist dieses Brautpaar zu beneiden, das heute von so vielen Gästen gefeiert wird! Sind das wohl auch solche Menschen, wie die, die wir heute auf dem stillen Gräberfelde versammelt sahen? fragt Kohelets Begleiter. Und wenn es nicht dieselben sind, welchen von beiden soll ich mich wohl anschließen? Nun, erwiedert Kohelet, das will ich dir erklären. Zwischen diesen und jenen Menschen ist gar kein Unterschied vorhanden. Für die, die da heute frohlocken, kommt auch eine Stunde, in der sie weinen und wehklagen, und die draußen so bitterlich seufzten und jammerten, die werden noch manchen Tag erleben, an dem sie ebenso fröhlich sein werden, wie die, die du jetzt hier versammelt siehst. Gönne den einen ihre Freude, lasse den anderen ihre Trauer, es ist eben alles wohlgethan zu seiner Zeit. Es hat die Klage und Wehmut ihre Zeit und ihre Zeit auch die Freude und Fröhlichkeit, doch eines merke dir, denken mußt du an alles und jedes in Einklang bringen mit der edlen Menschlichkeit, die allein deinem Thun Maß und Weihe giebt. Mitten in den wechselnden Gestalten des Lebens, mitten in den wandelbaren Stimmungen des Herzens, mußt du dir immer deine geistige Würde vor Augen halten, die Besonnenheit dir bewahren und Selbstbeherrschung zu üben wissen.