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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1885-10-01 · Heft 10 (1.10.1885) · p. Seite 225

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 10 (1.10.1885)
Date
1885-10-01
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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225 verlieren und daher in Einseitigkeiten verfallen, die gleichsam unser inneres Wesen aus seinen« Gleichgewichte bringen und uns von dem Boden einer klaren gesunden Lebensanschauung entfernen. Durch Unrechten Gebrauch ««nd verkehrte Anwendung verliert auch das Gute seinen segensvollen Gehalt, währenddem wiederum Neigungen und Eigenschaften, die an sich recht bösartig erscheinen, zuweilen dazu dienen können, edleren Bestrebungen den Weg zum Ziele zu bahnen. Die verschiedenen Gefühle und Stimmungen des Menschenherzens, sowohl die einen, die unsere Seele zur Verehrung und Anschauung des Göttlichen erheben, als auch die anderen, die zum Genüsse der irdischen Wonnen uns auffordern, sie haben alle ihre Berechtigung auf unserein Lebensgebiete, denn sonst würde der Schöpfer uns diese mannigfach gearteten Anlagen, die mit unserem Wesen so eng verknüpft sind, nicht verliehen haben, aber alle nur zu ihrer Zeit und ihrer edleren Bestimmung gemäß. Gilt es für die Erhaltung und Förderung des Guten einzutreten, dafür zu kämpfen mit Mut und Eifer, dann mußt du die Trägheit und Feigheit, die dich gar so friedensselig stimmt, aus deinem Herzen verbannen. Ist der Bestand des Besseren gesichert, der Sieg der Wahrheit errungen, die Zeit der Versöhnung gekommen, dann mußt auch du wiederum ein Mann des Friedens sein, die Gemüter vor neuer Beunruhigung zu schützen, uneinigen Zwiespalt zu verhüten und die auf dem Boden der Wahrheit gegründete Eintracht zu erhalten suchen. Und so ist es auch mit der Freude und mit der Trauer, mit dein Jubel und mit der Klage. Wo eine ernste heilige Stimmung dich beseelen muß, da ist der Scherz und Frohsinn nicht an seinem Orte, und wo dir wiederum Wonne und Freudigkeit in deinem Herzen erblühen sollen, da soll nicht finsterer Schatten des Mißmuts herankommen, der eisige Hauch der Weltverachtung herbeiwehen, um dir diesen lieblichen unschuldigen Seelengenuß zu verleiden. — Recht anschaulich wird uns das an dem heutigen Feste, wenn wir es init' seinem Vorgänger, dem Versöhnungstage vergleichen. Welch' hochheiliger Ernst, welch' eine zerknirschte Stimmung des Gemütes, welch' eine völlige Lossagung von allem irdischen Lebensgenüsse, die dieser gottgeweihte Tag der Buße und Reumut von uns forderte! Und heute, da kommt dieselbe Religion, die ihn dazu bestiinmt und eingesetzt hat, und ruft uns zu „Freue dich an deinem Festtage", laß den Frohsinn in dein Herz einziehen, finde deine Lust und Wonne an den Segens gaben, die die Erde dir darbietet! Wir sollen eben nicht der Meinung uns hingeben, daß zur Gottesfurcht vor Allem ein schmerzdurchwühltes für die Erdenwelt völlig verschlossenes Gemüt gehöre und man alle feine Tage etwa gar in kopfhängerischer Beschaulichkeit dahinleben müsse, uin Gottes Gnade und Wohlgefallen zu verdienen. Rein, lehrt uns das heutige Fest, die Religion kann sich auch mit der Lebensfreude wohl vertragen, ja noch mehr, sie ist dir erst dann zuin vollen Eigentume des Herzens geworden, wenn du auch in den Tagen des Glücks und der Fröhlichkeit, z««r Zeit, da du in vollein Besitze und Genüsse der irdischen Segn««ngen dich befindest, deines himinlischen Ursprungs nicht vergissest, deinem Gotte treu bleibst ««nd die Wege der Tugend und Wahrheit, der Demut und Rechtschaffenheit, dahinwandelst. Es hat aber alles seine Zeit und Bestimmung auf Erden und unsere Aufgabe ist es, des eingedenk zu bleiben und zwar indem wir unsere Gedanken darauf richten und auch ««nsere Handlungen danach ein richten. Nicht «veniger als acht und zwanzig Beispiele führt Kohelet an, um seine Behauptung, daß alles seine Zeit und Bestiinmung auf Erden habe, zu belegen und zu veranschaulichen. Da führt er uns auf ein Ackerfeld hinaus,

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